Archiv November 2021

gesammelte Beiträge von November aus Corona-Zeiten 2021:


Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Zweitletzter Sonntag des Kirchenjahres
Buß- und Bettag
Ewigkeitssonntag
1. Advent


Drittletzter So. des Kirchenjahres

(Den Gottesdienst hält Pfarrer Rolf Weiß.)

Liebe Festgemeinde, und ganz speziell: liebe Konfirmandinnen [und Konfirmanden]!

Heute, mit der Konfirmation, geht für den zweiten Teil eurer Gruppe die Konfirmandenzeit zu Ende. Es war eine besondere Zeit – in vielerlei Hinsicht. Das muss ich jetzt gar nicht weiter ausführen. Entscheidend ist: Ihr werdet heute gesegnet, jede und jeder Einzelne von euch. Der Segen ist bei der Konfirmation so wichtig, dass man manchmal von der Konfirmation auch als der »Einsegnung« spricht. Segen – was ist das eigentlich? Was geschieht da?

Wir können beschreiben, was man beim Segen äußerlich wahrnehmen kann. Eine Person legt einer anderen die Hände auf und spricht dazu Worte. Besondere Worte sind es, Segensworte eben. Aber die äußerliche Beschreibung dringt noch nicht tiefer ein in das Wesen des Segens. Denn, so möchte ich es einmal sagen: Die eigentliche Wirkung des Segens ist ein innerer Prozess. Sie hat etwas zu tun mit Erfahrung, Gefühl, Berührung – im übertragenen Sinne –, aber auch mit Erwartung und Sehnsucht. Segen kann tief gehen – oder mich völlig kaltlassen. Je nachdem.

Segen, liebe Gemeinde und liebe Konfirmand*innen, ist mehr als ein paar gesprochene Worte in Verbindung mit einer Geste. Da steht im Grunde eine ganze Welt dahinter. Diese Welt des Glaubens ist anders als unsere Alltagswelt, in der es immer mehr um Leistung geht.
Eure Eltern und Großeltern mögen in Euch ein großes Geschenk sehen, jemanden, für den sie Gott danken, für ein einzigartiges, wunderbares Wesen. Eine ganz besondere Art, die Welt anzuschauen.

Ihr, liebe Konfirmand*innen, habt diese Welt des Glaubens wenigstens ein wenig erkunden können. Ihr seid durch sie hindurch gewandert, an den ersten Unterrichtssamstagen, später am Bildschirm oder bei den Andachten und Gottesdiensten habt ihr darin Entdeckungen gemacht. Ihr habt davon an verschiedenen Stellen ein wenig berichtet, in der Gemeindezeitung, im Gottesdienst.

Und vieles von dem, was ihr in dieser Welt des Glaubens entdeckt habt, passt zu dem, was mit dem Segen heute bekräftigt werden soll. Gott ist immer für einen da. Man ist nie allein. Das gibt einem das Gefühl, geborgen zu sein. Gerade in Zeiten, in denen man in ein tiefes schwarzes Loch fällt. Manche von Euch haben in dieser Welt für sich entdeckt, wie einzigartig jeder Mensch ist. Und so könnt Ihr mit der Konfirmation überzeugt „Ja!“ sagen zu eurer Taufe und diese als Euren eigenen Willen bekräftigen.

Ich glaube, das sind große Schätze, die ihr da gefunden habt. Schätze, die euch einen Halt geben können, wenn die Stürme des Lebens über euch einbrechen und ihr das Gefühl habt, niemand mag euch und ihr macht alles falsch. Diese Zeiten, wo ihr Gefühle dieser Art habt, werden kommen, damit müsst ihr rechnen. Da ist es gut, wenn man nicht den Boden unter den Füßen verliert. Wenn man etwas in seinem Rucksack hat, was einem hilft zu bestehen.

Die Welt des Glaubens: Gar nicht wenige Menschen glauben, diese Welt sei nur etwas für Kinder. »Wo ist denn der liebe Gott?«, fragen sie. »Ich habe ihn noch nie gesehen.«
Aber: »Es gibt in der Welt Geheimnisse, die kann man nicht wissenschaftlich erklären. Man muss sie anders verstehen. Das Thema ›Gott‹ gehört dazu«.

Wenn das stimmt, dann verläuft die Suche nach Gott anders, als viele meinen. Wenn Gott im Letzten ein Geheimnis ist, dann kann man Gott nicht einfach sehen. Dann sind alle unsere Vorstellungen nur Krücken, tastende Versuche, uns dem Geheimnis Gottes zu nähern. Der Mensch, der mit Gott spricht, kann davon erfahren und das weitergeben.

Vielleicht habt gerade Ihr einmal Gelegenheit dazu. Denn mit der Konfirmation dürft Ihr nun Patin/ Pate werden. Wir haben ja beim letzten Unterrichttermin mehr als 20 Aufgaben von Pat*innen entdeckt und zusammengestellt. Sie gehen weit über die Gabe von materiellen Geschenken hinaus. Ich bin sicher, das habt Ihr durch eure eigenen Paten erlebt.

Die Welt des Glaubens geht nicht auf in unserer Welt der Berechnungen, Daten und Fakten. Im Märchen »Der kleine Prinz« – vielleicht der Lehrerzählung schlechthin für uns moderne Menschen – heißt es bezeichnenderweise: »Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«.
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Die Welt der Wissenschaft ist faszinierend und hat uns viele Fortschritte gebracht.

Aber es gibt Dimensionen unserer Wirklichkeit, die lassen sich mit ihr nicht erfassen. Davon redet die Welt des Glaubens auf ihre eigene, symbolische Weise. Ich wünsche Euch, dass Ihr die Wirklichkeit dieser Welt des Glaubens gespürt habt. Und dass Ihr auch weiterhin Euren Platz in Eurer Kirchengemeinde findet. Dass Ihr dort angenommen werden und Euch wohl fühlt. Dass Ihr dort auch mit Euren Problemen aufgenommen werdet und Hilfe erfahrt.
Uns, den Mitarbeitenden in der Gemeinde und speziell im KU, war es wichtig, euch ein wenig auf den Geschmack zu bringen, euch einzuführen in diese geheimnisvolle Welt, die vielen Erwachsenen ferngerückt ist und nach der sich viele Menschen doch insgeheim sehnen. Der Welt, von der sich so mancher getragen weiß, sich völlig in Sicherheit fühlt und im Frieden.

Wir werden euch heute segnen. In der Schutzgebärde der Hände, die ich über euch halte, kommt zum Ausdruck: Was auch mit euch sein wird, wo ihr auch seid, wie es auch um euch steht: Ihr seid behütet und beschützt. In dieser Hinsicht kann euch nichts zustoßen. Die ganze Welt des Glaubens soll in dieser Geste aufleuchten.

Die Gewissheit, geborgen zu sein in Gott, soll euch tragen, euer Leben lang, was auch kommen mag.
Amen.
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Zweitletzter So. des Kirchenjahres

(Es liegt keine Predigt zur Veröffentlichung vor.)

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Buß- und Bettag

Den Gottesdienst hält Pfarrer Rolf Weiß
Jesaja 11, 1-9
1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.
6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

1. Zerstörte Bäume

Der Text beginnt mit einem Bild der Zerstörung: Ein abgehauener Baum, ein übriggebliebener Stumpf. Damit knüpft Jesaja 11 an das Ende des vorherigen Kapitels an. Dort wird der Großmacht Assyrien von Gott das Gericht angesagt – und zwar in Bildern der Naturzerstörung: „Siehe, die Herrschaft, JHWH der Heere, haut Zweige ab mit Schreckensgewalt. […] Niedergeschlagen wird das Walddickicht mit einem Eisen […]“ (Jes 10,33f. [BigS]).

Sozialgeschichtlich gelesen spiegeln sich darin reale Kriegserlebnisse wider: Rodungen und Baumfällungen als Mittel der Kriegsführung. Das Fällen von Frucht- und anderen Bäumen durch angreifende Truppen kam im Rahmen von Belagerungskriegen sowohl in der Phase der Belagerung als auch in der Zeit nach der Eroberung der betroffenen Städte vor.
Während der Belagerungsphase diente es dem überfallenden Heer nicht nur zur Gewinnung von Bauholz für Rampen und Belagerungsgerät – es stellte zugleich eine psychologisch-propagandistische Kriegsmaßnahme dar, bei der es darum ging, die ohnehin knappen Lebensgrundlagen der Bewohner*innen weiter zu dezimieren und diese zur Kapitulation zu bewegen.
Als Strafaktion nach der Einnahme einer Stadt zielte die Zerstörung von Gärten und Bäumen auf die Schaffung einer potenzierten Todesatmosphäre, die den Besiegten endgültig vor Augen stellen sollte, wer Herr über Leben und Tod ist: Der jeweilige imperiale Herrscher. Wo Bäume umgehauen und Gärten verwüstet werden, ist diese Todessphäre sowohl real als auch symbolisch gegenwärtig, denn Bäume repräsentieren das Leben schlechthin und das bewährte Leben im Angesicht Gottes (vgl. Ps 1).

Diese Weise der Kriegsführung zieht sich durch die Jahrhunderte bis heute. Bekannt ist bei uns etwa, dass „Während des Vietnamkrieges […]US-Soldat*innen etwa 72 Millionen Liter des giftigen Agent Orange und anderer Herbizide auf eine Fläche von 1,5 Millionen Hektar sprühten. Die Wälder sollten entlaubt werden, um die zum Feind erkorene Nationale Front für die Befreiung Südvietnams aufzuspüren und ihre Nahrungsgrundlage zu zerstören. Ganze Ernten wurden vernichtet, was die gesamte Bevölkerung traf. Bilder aus der Zeit zeigen Baumstümpfe, die wie zersch