Archiv September – Oktober


gesammelte Beiträge aus Corona-Zeiten 2020:


20. So. nach Trinitatis
19. So. nach Trinitatis
18. So. nach Trinitatis
17. So. nach Trinitatis – Erntedankfest
16. So. nach Trinitatis
15. So. nach Trinitatis
14. So. nach Trinitatis
13. So. nach Trinitatis


20. So. nach Trinitatis


Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis / Predigttext Markus 2, 23-28
Den Gottesdienst hält Prädikant Volker Geisel.

Liebe Gemeinde,
wenn wir das Wort „Gesetz“ hören, dann klingt darin oft auch etwas Starres und Strenges an, dem wir Menschen gehorchen müssen. Aber Jesus macht uns deutlich, dass die Gesetze dem Menschen dienen müssen – und nicht umgekehrt:

Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: „Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“
Und er sprach zu ihnen: „Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?“ Und er sprach zu ihnen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

Liebe Gemeinde, kommen wir gleich zur Sache: Der wichtigste Satz in unserem heutigen Predigttext lautet: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.“

Das hebräische Wort „Sabbat“ heißt „Ruhetag“ oder „Feiertag“. Es ist verwandt mit dem Verb „abschneiden“, „etwas zum Aufhören bringen“.

Und das macht deutlich: Es geht hier nicht um den Sabbat im engeren Sinn, also nicht um den Samstag als wöchentlichen Feiertag der Juden. Sondern es geht hier allgemein um den Ruhetag nach sechs Arbeitstagen – dann, wenn die Arbeit aufhört oder der Fluss des alltäglichen Handelns abgeschnitten wird.

Gott selbst hat den Sabbat nach sechs Schöpfungstagen gestiftet, indem er ein Vorbild gab und selbst ruhte. Auf diese Weise hat Gott den siebten Tag nach sechs Werktagen geheiligt, hat ihn zu etwas Besonderem gemacht, hat ihn zum Ausruhen herausgehoben.

Martin Luther hat im Kleinen Katechismus beim dritten Gebot das hebräische Wort „Sabbat“ zutreffend ins damalige Deutsch übersetzt, indem er schrieb: „Du sollst den Feiertag heiligen.“ Ins heutige Deutsch übersetzt, müsste man sagen: „Du sollst den Ruhetag heiligen“ – nämlich den Ruhetag, den Gott nach sechs Arbeitstagen verordnet hat.

Jesus weist nun in unserem Predigttext darauf hin, dass der Sabbat „gemacht ist“. Wie alle frommen Juden seiner Zeit vermeidet er es, den Namen Gottes oder das Wort „Gott“ zu gebrauchen. Das führt dazu, dass alle Tätigkeiten Gottes mit passiven Satzkonstruktionen umschrieben wurden. „Der Sabbat ist gemacht“ bedeutet also: „Gott hat den Sabbat gemacht“, den Ruhetag.

Die Bedeutung des Sabbats wird dabei nicht an einer beliebigen Stelle der Bibel erwähnt. Nein, er begegnet uns ganz am Anfang, zum Abschluss der ersten Schöpfungserzählung: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ Und was Gott geschaffen hat, das sollen wir Menschen nun nicht verachten.

Wenn Jesus sagte: „Der Sabbat ist gemacht“, dann erkannte er ihn als Gottes heilige Ordnung an. Und wir sollten das auch tun. Sechs Tage Arbeit, danach ein heiliger Tag zum Ausruhen, zur „seelischen Erhebung“, wie es im Grundgesetz heißt, und Gottesdienst-Feiern – diese göttliche Ordnung hat etwas Wohltuendes und sollte uns viel wert sein.

Dass wir Christen dafür den Sonntag nehmen und nicht den Samstag wie die Juden, ist in dieser Hinsicht nicht wichtig; Hauptsache, wir achten den von Gott geschaffenen Sieben-Tage-Rhythmus der Woche.

Nicht nur für uns persönlich, sondern auch im Blick auf unsere Gesellschaft sollten wir uns dafür einsetzen, dass die von Gott geschaffene und gewollte Feiertagsruhe nicht ausgehöhlt wird durch unnötige Sonntagsarbeit, durch entsprechende Forderungen vonseiten der Arbeitgeber oder durch weiteres Ausufern des Sonntags-Shoppings.

„Der Sabbat ist gemacht.“ Gott hat den Feiertag geschaffen, weil er gnädig und barmherzig ist – und nicht um uns mit Vorschriften zu plagen. Aber wer den Feiertag verachtet, der verachtet letztlich auch Gott als seinen Urheber.

Liebe Gemeinde, in der Anfangszeit der Sowjetunion hatte man die Idee, die Produktivität zu erhöhen, indem man die Sieben-Tage-Woche durch eine Zehn-Tage-Woche ersetzte – nach neun Arbeitstagen folgt ein Ruhetag. Aber als Konsequenz sank die Produktivität, denn die Zehn-Tage-Woche machte die Menschen krank.

Gott, der Schöpfer, weiß am besten, was für uns gut ist, und verordnete uns daher die Sieben-Tage-Woche: Ein Sabbat, ein Ruhetag nach sechs Arbeitstagen – zu unserem Wohlergehen! Und dieses „Wohlergehen“ schafft den Übergang zum zweiten Gedanken, den wir aus unserem Predigttext mitnehmen können.

Denn darum ging es auch Jesus, als er sagte: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht.“ Und weil das so ist, muss es im Notfall Ausnahmen geben dürfen vom Gottesgebot der Feiertagsruhe. Darum sagte Jesus auch den Umkehrsatz: „… und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“

Gottes Sabbat-Gebot, vor allem aber auch die vielen spitzfindigen Ausführungsbestimmungen der jüdischen Gesetzeslehrer dürfen nicht als ehernes Prinzip um jeden Preis durchgesetzt werden – vor allem nicht um den Preis, dass der Mensch dabei Schaden erleidet.

Vielmehr ist immer dann eine Ausnahme zu machen, wenn das Wohl des Menschen es erfordert. Wohlgemerkt – eine Ausnahme!

Grundsätzlich hat Jesus den Sabbat geachtet und wertgeschätzt, und er forderte von seinen Jüngern dasselbe. Aber er erlaubte ihnen, am Sabbat beim Spaziergang durch ein Kornfeld Ähren abzupflücken und die Körner zu verspeisen, denn sie hatten gerade nichts Anderes zu essen.

Solches Ernten im Vorbeigehen für den augenblicklichen Bedarf war den Menschen damals im Alltag ausdrücklich gestattet, damit keiner hungern musste. Jesus wies lediglich darauf hin, dass es für den hungrigen Menschen auch am Sabbat erlaubt sein muss.

Für uns heute scheint das ganz klar: Die Heiligung des Feiertags darf nicht so weit gehen, dass Hungrige nicht gespeist, Kranke nicht gepflegt oder Reisende nicht beherbergt werden dürften. Anders gesagt: Werke der Liebe sind am Sonntag möglich.

Aber noch einmal: Es handelt sich um Ausnahmen in Notlagen. Grundsätzlich sollen wir Gottes Feiertag achten und ihn heiligen, an ihm ruhen und in der Gemeinde Gottesdienst feiern.

Liebe Gemeinde, was Jesus über das Sabbat-Gebot gesagt hat, das gilt dem Geist nach für alle Gebote:

  • Alle Gebote sind von Gott gemacht und sollen daher von uns befolgt werden.
  • Alle Gebote hat Gott aus Liebe für uns Menschen gemacht, damit sie uns helfen und dienen.
  • Und bei allen Geboten kann es auch einmal notwendig werden, eine Ausnahme zu machen, wenn nicht auf andere Weise Schaden vom Menschen abgewendet werden kann.

Jesus selbst nennt in unserem Predigttext ein Beispiel zu einem Gottesdienst-Gebot, das Gott seinem alten Bundesvolk Israel gegeben hatte:

Die sogenannten Schaubrote, die im Heiligtum der Stiftshütte auf einem Tisch lagen, durften nur von Priestern verzehrt werden, von Nachkommen Aarons. Als aber einmal David unter Lebensgefahr fliehen musste und keine Möglichkeit hatte, sich auf anderem Wege Nahrung zu besorgen, da aß er von den Schaubroten, obwohl er nicht von Aaron abstammte.

Das war eine Ausnahme in einer Notsituation. Und Jesus heißt das gut und führt es als Beispiel an. Noch andere Beispiele ließen sich in der Bibel finden, wo Menschen Gebote verletzt haben, um Leben zu schützen.

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ – so lehrte Jesus. Er erwies sich damit als vollmächtiger Ausleger von Gottes Wort, als Herr und Gottessohn.

Das Markus-Evangelium kommentiert treffend: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Allgemein können wir sagen: Gottes Gebote sind um des Menschen willen gemacht und nicht die Menschen um der Gebote willen.

Nicht blinde und sture Befolgung mit spitzfindiger Auslegung sind ihr Zweck. Sondern es kommt darauf an, dass wir sie als Orientierungsmaßstab verwenden für das, was dem Menschen wirklich guttut. Das schließt ein, dass in besonderen Notsituationen der Mensch die Freiheit hat, sich über die enge, buchstabengetreue Befolgung hinwegzusetzen.

Liebe Gemeinde, ich möchte uns zum Abschluss noch ein Gedicht der 2003 verstorbenen Theologin Dorothee Sölle mitgeben. Es trägt den Titel: „Du sollst dich selbst unterbrechen.“

Du sollst dich selbst unterbrechen.
Zwischen
      Arbeiten und Konsumieren
      soll Stille sein
      und Freude.
Zwischen Aufräumen und Vorbereiten
      sollst du es in dir singen hören,
      Gottes altes Lied von den sechs Tagen
      und dem einen, der anders ist.
Zwischen
      Wegschaffen und Vorplanen
      sollst du dich erinnern
      an diesen Morgen
      deinen und aller Anfang
      als die Sonne aufging
      ohne Zweck
      und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit, die niemandem gehört
außer dem Ewigen.

Amen.

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19. So. nach Trinitatis


(Den Gottesdienst hält Pfarrer Rolf Weiß)
Predigttext: Epheser 4, 22 – 32:
22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen
27 und gebt nicht Raum dem Teufel.
28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.
30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

(Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,) liebe Gemeinde!

‘Gerechtigkeit’ und ‘Heiligkeit’ zeichnen uns Christ*inn*en also aus. Und im Verlaufe des Textes wird aufgezählt, was solche Lebensweise ausmacht. Da müssen wir die Zuschauerrolle verlassen. Da müssen wir uns einsetzen, wenn andere unsere Hilfe brauchen. Da müssen wir den Mund aufmachen, wenn Ungerechtigkeit mit Händen zu greifen ist. Denn Heiligkeit ist nichts für abgeschlossene Räume. Heiligkeit gehört auf die Straße. Sie gehört in die Schule. Sie gehört in die öffentliche Diskussion in der Gemeinde. Sie braucht ihren Platz überall da, wo Menschen zusammenkommen. Und daran werden die anderen dann erkennen: Dort sind Christinnen und Christen am Werk.

Solange wir Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen nicht Gerechtigkeit und Heiligkeit vorleben, solange sollten wir auch nicht von anderen fordern, dass sie alles perfekt machen. Da gilt viel eher, was jemand einmal bei einem ersten Elternabend als Wunsch für die Konfis aufgeschrieben hat: „Du mögest stets ein wacher Christ sein.“ Dann könnt Ihr/ können sie nämlich uns Erwachsene auch einmal bei der Nase packen und sagen: „Und wie hältst Du’s mit der Religion, sprich?!“

Jemand anderes hat gewünscht: „Viel Freude, Zeit zum Nachdenken, Zuversicht, neue Erfahrungen, Lösungen, mehr über den Glauben (zu) erfahren.“

[{falls Jugendliche da sind:} Es ist ja ganz klar, dass Ihr mit dem KU sozusagen Neuland betretet. Zwar habt Ihr auch im RU oder zuhause schon ganz viel über Christentum, die Kirche und unseren gemeinsamen Glauben geredet und erfahren. Aber so richtig zum Nachdenken kommt man darüber wohl doch erst im KU.]

Der Eph. benutzt dafür ein [anderes] Bild. Er ist geschrieben an Leute, die so etwas wie Glaubensunterricht gerade hinter sich haben, KU für Erwachsene sozusagen. Relativ neu sind diese Menschen zur Gemeinde Jesu Christi dazu gestoßen. Aber sie spüren schon, wie das ihr Leben verändert. Nach ihrer Taufe sollen sie nun „den neuen Menschen anziehen“, heißt es da.

Ein irrer Anspruch! In jeder Beziehung, nicht?!

‘Kleider machen Leute.’ Dieses Sprichwort haben bestimmt die meisten, die heute hier sind, schon einmal gehört, nicht wahr?! Und es ist ja auch etwas dran an dieser Weisheit. Auf Schritt und Tritt können wir im Leben nachvollziehen, wie wichtig das richtige ‘Outfit’ ist.

Vor einiger Zeit fragte mich zum Beispiel jemand, ob sein Kind bei der Taufe eine bestimmte Kleidung tragen müsse. In Italien darf man manche Kirchen mit kurzen Hosen nicht einmal besichtigen. Bei Jugendlichen driftet die Meinung sicher bei dem einen oder anderen Outfit weit von der Ansicht der Eltern auseinander.

Aber einen neuen Menschen anziehen…? Wie soll denn das nun vor sich gehen?
Beispiele dafür gibt es schon. Ich versuche es mit anderen Worten für das, was im Brief nach Eph. auch steht.

Sich respektieren und gegenseitig helfen.
Es ist für eine Gemeinde wichtig, dass sie sich versteht.
Dass sie miteinander redet.
Dass sie freundlich und herzlich miteinander umgeht.
Dass niemand dem anderen etwas wegnimmt.
„Einer für alle, alle für einen.“

Und das funktioniert nur, wenn alle mitspielen.
Aber dann funktioniert es!

Es reicht nicht, dass wir einfach nur auf den neuen Menschen warten und nichts tun. Das ist entweder ganz schön bequem. Oder es ist schon ganz schön weit resigniert.
Wir müssen ihn schon selber anziehen, den ‘neuen Menschen’. Wir müssen in ihn hineinschlüpfen.
Bis er uns in Fleisch und Blut übergeht.
Und es reicht auch nicht, dass wir das Vergeben und Verzeihen immer nur von anderen fordern.
Dann wird ein Bibelwort schnell zu einer „Keule“.

Wenn umgekehrt versucht wird, berechtigte Kritik mit dem Hinweis auf das „Vergeben“ und das „Verzeihen“ mundtot zu machen, dann ist das durchaus auch sehr von Übel. Vergeben bedeutet nämlich durchaus nicht, die Fehler des anderen einfach zu übersehen.

Wenn mir mein Gegenüber immer nur signalisiert: „Ich habe ja gar keine Probleme, sondern nur du“, dann kann man sich nicht aufeinander zubewegen. Und wenn der andere keine Einsicht in seine Schuld zeigt, kann ihm eigentlich auch nicht verziehen werden. Dann wird nur kaschiert. Es wird über etwas hinweggegangen. Und das baut nicht auf. Es reißt nur neue Wunden – bei mir, bei anderen.

Ich gebe zu, dass das nicht ganz einfach ist. Und ich weiß, dass auch mir das nicht immer gelingt. Die Bibel ist für uns Menschen geschrieben. Aber gerade darum ist sie realistisch genug, zu wissen, dass man auch einmal so richtig in Zorn geraten kann. Der soll aber nicht das letzte Wort behalten. Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Es ist selten so, dass nur ein einzelner Recht hat, auch wenn er sich noch so laut oder wiederholt zu Wort meldet.

Ich will immer wieder nach Wegen suchen, wie ich dem hohen Anspruch, den Paulus im Eph. vorträgt, gerecht werden kann. Jeder muss das an seinem oder ihrem Platz tun. Gott helfe uns!

Amen.

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18. So. nach Trinitatis


Gottesdienst mit Konfirmation – Spitalhof Diedelsheim 11.10.2020
Den Gottesdienst hält Pfarrerin Elisabeth Gürler.
Weil Konfirmation ist finden Sie hier den Ablauf des gesamten Gottesdienst.

Konfirmiert werden Luisa B., Eliz B., Eleni D., Henrik E., Tim E., Veit F., Tobias G., Timon H., Philipp K.t, Laurenz N. und Luis Sch.

Einzug der Konfirmanden mit Musik des Posaunenchores
Pfarrerin:
„Dies ist der Tag, den der Herr macht, lasset uns freuen und fröhlich darin sein.“
Vieles ist anders in diesem Jahr – auch Eure Konfirmation. Im Mai wäre es wärmer gewesen, in der Kirche vielleicht feierlicher, zum einen oder anderen Fest wären vielleicht mehr Gäste gekommen – nun ist es Oktober, ziemlich frisch – und wir sind hier nicht in der vertrauten Diedelsheimer Kirche, sondern an einem ganz anderen Ort – wir sind mitten im Leben – und das ist gut – denn Glaube hat ja nicht nur in der der Kirche seinen Platz, der Glaube und damit auch Eure Konfirmation gehört mitten ins Leben – dahin wo es die alltäglichen Freuden gibt – und den alltäglichen Frust – dahin, wo wir jeden Tag aufs Neue herausgefordert werden.
Es ist schön, dass Ihr –alle 11 Konfirmanden – hier miteinander Konfirmation feiern könnt. Denn Kirche, das ist nicht nur ein vertrautes Gebäude, Kirche ist Gemeinschaft, weltweite Gemeinschaft und gelebte Solidarität.
Und so feiern wir hier als unter Corona-Bedingungen große Gemeinde an diesem wunderschönen Ort miteinander Gottesdienst.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Ich möchte Sie und Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden einladen, mit mir zusammen den 23. Psalm zu beten:
Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des HERRN immerdar.

Der Posaunenchor antwortet auf diesen Psalm mit dem Liedvers
„Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.“

Bibellesung Exodus 3 (Tilmann Herbolsheimer):
1 Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb.
2 Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Er schaute hin: Der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt.
3 Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?
4 Als der HERR sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Er sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.
6 Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid.
8 Ich bin herabgestiegen, um es der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.
10 Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!
11 Mose antwortete Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen kann?
13 Ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen sagen?
14 Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin-Da hat mich zu euch gesandt.
15Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich anrufen von Geschlecht zu Geschlecht.

Ansprache:
Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
als ich Euch alle vor etwas mehr als 3 Wochen kennengelernt habe, da war es eine meiner Aufgaben, Euch abzuhören. Ich hatte versprochen, allen, die im Rückstand waren mit ihrem Lern- oder Aufsagepensum, auf den Zahn zu fühlen und zu schauen, ob es läuft: Psalm 23, Taufbefehl, Zehn Gebote, Einsetzungsworte, Glaubensbekenntnis und das Lied „Komm, Herr, segne uns“ – Ihr hattet ein ganz ordentliches Pensum auswendig zu lernen.
Jetzt ist das mit dem Auswendiglernen ja so eine Sache, denn auswendig ist ja noch lange nicht inwendig gelernt oder eben wie die Engländer so unvergleichlich schön sagen“ by heart“, also mit dem Herzen, gelernt. Und deshalb schauten wir uns Psalm 23 genauer an – wir unterhielten uns über die Metaphern und Bilder des Psalms. Was ist eine Aue? Er erquicket meine Seele? Wie können wir das mit eigenen Worten sagen? Und dann waren wir ganz schnell bei: Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Um seines Namens willen? Ich bin sicher, wenn ich jetzt einzelne Gottesdienstbesucher fragen würde, was das bedeutet, dann wären die Gesichter so ratlos wie Eure bei unsrem Treffen im Gemeindehaus. Um seines Namens willen? Hat Gott einen Namen? Braucht er überhaupt einen Namen? Ist sein Name nicht einfach GOTT?

Wer aufgepasst hat bei der Bibellesung, der hat jetzt vielleicht so eine Ahnung. Dieser Mose, der sich am liebsten drücken möchte vor dem Auftrag, beim Pharao die Freiheit für das unterdrückte und versklavte Volk zu fordern, hat im Gespräch mit Gott diverse Ausreden parat. Und er gleicht in seinem Erfindungsreichtum wahrscheinlich einigen der anwesenden Personen. Eine seiner Ideen ist die: Gott, die Israeliten wollen sicher genau wissen, wer mich schickt. Hast Du überhaupt einen Namen? Und kannst Du mir diesen Namen sagen?

Mose erhält von diesem rätselhaften Gott, der sich im Dornbusch zeigt und doch nicht zu greifen ist, auf seine Frage eine Antwort: Gott stellt sich vor.
„Ich bin, der ich bin. So sollst Du sagen: Der „Ich bin da“ hat mich zu Euch gesandt.“ Im hebräischen steht an dieser Stelle „Jahwe“, der biblische Eigenname Gottes. Ich könnte jetzt lange dozieren, warum dieser Name Gottes in der Bibel heute mit Herr wiedergegeben wird. Aber das ist hier nicht wichtig. Wichtig ist es zu lernen, dass Gott einen Namen hat. Wichtig ist, dass dieser Name ein Versprechen ist: Ich bin da – Ich werde da sein für Euch! Das verspricht Gott – Das gilt es zu lernen – und zwar nicht auswendig, sondern inwendig – by heart.

Der ganze Psalm 23 ist nichts anderes als eine poetische Entfaltung dieses Gottesnamens. Der Herr, Jahwe, ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
„So sollst Du sagen: Der „Ich bin da“ hat mich zu euch gesandt“.
Der Psalmbeter hat den Namen, das Versprechen Gottes nicht nur gelernt, er hat es verinnerlicht: Deshalb kann er fortfahren: Und wenn ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.

Er vertraut dem lebendigen Gott, der da ist und der da sein wird, der für Euch da ist und für Euch da sein wird.
Kann man solches Vertrauen lernen? Und wenn ja, wie ? Ich weiß es nicht.
Konfirmation heißt Bestärkung, Bekräftigung. Ich wünsche Euch, dass die heutige Konfirmation Euer Vertrauen stärkt und bekräftigt, Euer Vertrauen, dass der lebendige Gott da ist, dass er für Euch da ist, dass er auf eurer Seite steht. Amen

Der Posaunenchor : Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue; Lob sei den starken Händen, die alles Herzleid wenden.

Einleitung zum Glaubensbekenntnis:
Wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen: Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, dann ist das keine Analyse der Welt und wir meinen damit nicht Biologie oder Physik. Wenn wir sagen: Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, dann sprechen wir davon, worauf wir vertrauen, dann sprechen wir von unserer Liebe zur Welt und zum Leben, zur Sonne und zum Wind, von unserer Liebe zur Mutter Erde, die uns trägt und erhält.
Wenn wir sagen: Ich glaube an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, dann reden wir davon, dass der Gott des Lebens Menschen in Jesus Christus ganz nahe gekommen ist. Dass er sie berührt und umarmt hat, dass er sie aufgerichtet und zum aufrechten Gang ermutigt hat.
Wir reden dann davon, dass der „ich bin für Euch da Gott“ auch für uns, für Euch, da ist, mit Euch geht, euch Wege zeigt, jenseits von richtig oder falsch, Wege in die Zukunft, zur Hoffnung, zum Miteinander – wenn es sein muss mit Abstand – , zum Leben.
Wenn wir sagen: Ich glaube an den Heiligen Geist, dann sprechen wir von der Ruach (hebräisch) Gottes, seiner Lebensenergie, seiner Kraft – Gott ist da für uns, wird für uns da sein – im Leben und im Tod. Er begegnet uns an überraschenden Orten, im Dornbusch und der Blüte, im Getreidekorn und in anderen Menschen.
Wir bekennen miteinander und füreinander unseren Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

Liebe Konfirmanden, liebe Konfirmandinnen, in der Taufe wurdet ihr dem dreieinigen Gott anvertraut. Konfirmation, das ist Bekräftigung der Taufe, nun, da ihr keine Kinder mehr seid, soll Euch noch einmal – jedem ganz persönlich – der Segen Gottes zugesprochen werden, dass ihr leben könnt im Vertrauen auf ihn, voll Hoffnung und Liebe, als Gesegnete, die Segen sein können für diese Welt und für andere Menschen.
Posaunenchor: „Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen“
Einsegnung der Konfirmanden
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, gebe Euch seine Gnade, Schutz und Schirm vor allem Bösen, Kraft und Hilfe zu allem Guten um unseres Erlösers Jesu Christi willen. Amen
Der lebendige und barmherzige Gott sei mit Euch. Er stärke Euch im Glauben, beflügle Eure Hoffnung und bewahre Euch in der Liebe.

Posaunenchor: „Sprich Ja zu meinen Taten, hilf selbst das Beste raten, den Anfang, Mitt und Ende. Ach, Herr, zum Besten wende.“

Wort des Ältestenkreises – Frau Ramöller

Fürbittgebet mit den Konfirmierten
Pfarrerin: Gott, Quelle des Lebens, wir bitten Dich für unsere Konfirmierten, behüte sie unter dem Schatten Deiner Flügel, halte deine schützende Hand über sie, über ihre Familien und ihre Freunde.
Frau Ramöller: Schenke ihnen einen weiten Raum zur Entfaltung, dass sich ihre Herzen freuen können.
Tobi: Gott, Quelle des Lebens, es gibt so viele Menschen, deren Leben schwer und mühsam ist, für sie beten wir.
Timon: Wir beten für alle, die unter Corona leiden, für die Kranken, für die, die um ihre Zukunft fürchten und für die, die das Vertrauen ins Leben verloren haben.
Henrik: Lass sie erfahren, dass Du da bist.
Laurenz: Wir beten für die, die ausgegrenzt werden, weil sie anders sind und nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen,
Eleni: Öffne uns die Augen, dass wir sie in Deinem Licht sehen, dass wir erkennen, dass vor Dir alle Menschen gleich sind.
Eliz: Zeige uns, wie wir für sie da sein können.
Philipp: Gott, Du stellst Dich an die Seite der Unterdrückten und schenkst Freiheit,
Luisa: Wir danken dir, dass wir in Freiheit leben können.
Veit: Schärfe unsere Gewissen, dass wir unsere Freiheit verantwortlich gebrauchen und nicht auf Kosten anderer Menschen und anderer Länder leben.
Luis: Gott, deine Güte reicht so weit der Himmel ist, und Deine Wahrheit so weit die Wolken gehen.
Tim: Lass uns Wege zum Leben finden im Vertrauen auf deine Güte – unter Deinem weiten Himmel. Amen

In der Taufe hast Du uns zu Deinen Kindern angenommen, deshalb beten wir miteinander:
Vater Unser …

Liebe Gemeinde, wir setzen unseren Gottesdienst jetzt draußen fort.
Weil das Singen in der Halle zu riskant scheint, werden draußen vor dem Spitalhof die Lieder: „Komm, Herr, segne uns“ und „Vertraut den neuen Wegen“ gesungen.

Segen.

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17. So. nach Trinitatis/Erntedank


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Predigt Erntedankfest 2020: Markus 8,1-9
(Verf.: Pfr. St. Förster, Friedrich-Ebert-Anlage 53 b, 69117 Heidelberg, Predigt 7.10.2018.odt 1 und Pfr. Rolf Weiß)

Liebe Gemeinde!

„Wir pflügen und wir streuen…“ – kaum ein Lied gehört wie dieses zum heutigen Tag, zum Erntedankfest. Die Früchte hier vor uns und die verarbeiteten Produkte liegen wie kleine Schätze auf und um den Altar herum. Sie lassen uns bewusst werden, dass alle diese Gaben nicht selbstverständlich sind, sondern dass sie trotz all unserer Arbeit Gottes Geschenke an uns verdeutlichen.

Dazu gehören natürlich auch die Schätze, die nicht auf oder vor dem Altar liegen, die aber unser Leben ausmachen: Dass wir Geld verdienen, dass wir uns etwas leisten können, dass wir uns mit schönen Dingen umgeben können, dass wir Urlaub machen können, dass wir eine Familie haben, dass wir einigermaßen gesund sind. Auch das sind Gaben, für die wir dankbar sein können, und die wir in gewisser Weise geerntet und gesammelt haben im Laufe des Jahres. Diese Gaben gehören zu den Schätzen in unserm Leben dazu.

Textlesung:
1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen:
2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen.
3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?
5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.
6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus.
7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen.
8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll.
9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Eine große Volksmenge hatte sich um Jesus versammelt, weil sie hören wollten, was er zu sagen hatte. Drei Tage waren sie nun schon bei ihm und hatten nichts zu essen. Zwar ist es richtig, was Jesus einmal gesagt hatte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ – Solche Speise hatten sie nun reichlich bekommen.

Aber jetzt sieht Jesus doch auch ihre ganz leibliche Not, ihren Hunger nach Nahrung, – und ruft seine Jünger zu sich. »Die Volksmenge tut mir leid. So lange sind sie nun schon hier, und haben nichts zu essen. Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie unterwegs zusammenbrechen – denn einige sind von weit her gekommen«.

Sie einfach wegzuschicken, das geht also nicht, kommt nicht in Frage für Jesus. Doch was tun? Wie sollten sie eine so große Menschenmenge versorgen?

Die Jünger fühlen sich vollkommen überfordert. »Wo soll in dieser einsamen Gegend das Brot herkommen, um diese Leute satt zu machen?« Es liegt ja nicht gerade eine Großbäckerei hinter dem nächsten Busch, – mal abgesehen davon, dass ihre finanziellen Mittel auch nicht reichen würden, um für so viele Menschen Brot zu kaufen. Die Jünger kapitulieren also vor der Macht des Faktischen, – könnte man sagen. Oder auch, ein wenig freundlicher: Sie haben einen nüchternen Blick auf das, was in dieser Situation möglich ist.

Jesus zeigt sich hier durchaus als einer, der einer nüchternen, realistischen Selbsteinschätzung viel abgewinnen kann. Andererseits war es noch gar nicht so lange her, dass er seine Jünger ausgesandt hatte, immer zu zweit, – und dabei sollten sie nichts mitnehmen, kein Brot, keine Tasche, kein Geld. Sicher nicht aus Sorge, ihr Gepäck würde vielleicht zu schwer, – sondern doch wohl vielmehr deshalb, weil er wollte, dass sie hautnah die Erfahrung machen sollten: Gott sorgt schon für uns. Da, wo wir nicht weiter wissen, da wird er uns Türen und Herzen öffnen, und wo wir mit leeren Händen vor ihm stehen, da wird er sie reichlich füllen.

„Jesus fragt sie: »Wie viele Brote habt ihr?« Jetzt wird es konkret. Und sie antworteten: »Sieben. « – Sieben. So sieht’s aus. Das ist das, was wir haben. Das ist, was uns zur Verfügung steht – so gut wie nichts, angesichts dieser ausgehungerten Menschenmenge. „Besser, du schickst sie fort.“

Eine Bestandsaufnahme, die uns nur zu bekannt vorkommt: Immer wieder stehen wir genauso da vor den Herausforderungen der Zeit: Mit leeren Händen. Zu wenig Kraft. Zu wenig Geld. Zu wenig Zeit. Zu wenig Personal. – Und manchmal auch, wenn es darum geht, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen: Zu wenig neue Ideen, oder zu wenig Mut und Entschlossenheit, sie umzusetzen. Und zu viel Angst, sich auf Neues einzulassen. –

Aber so geht die Geschichte hier nicht weiter. Sondern: Jesus fordert die Volksmenge auf, sich auf dem Boden niederzulassen. Dann nimmt er die sieben Brote. Er dankt Gott, bricht sie in Stücke und gibt sie seinen Jüngern zum Verteilen. Und die Jünger teilen das Brot an die Volksmenge aus.

Bei der anderen Speisungsgeschichte im Markusevangelium, der Speisung der 5000, hatte Jesus die Jünger viel stärker in die Pflicht genommen: „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Hier behält er selber das Heft des Handelns in der Hand, er selbst fordert die Menschen auf, sich zu setzen, – die Jünger teilen dann nur aus, was er ihnen gibt, – nachdem er zuvor dem Vater für diese Gaben gedankt hat. Und plötzlich tauchen – wie aus dem Nichts – auch noch ein paar Fische auf, – und auch über sie spricht er das Segensgebet und lässt sie ebenfalls austeilen. – „Und die Menschen aßen und wurden satt. Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe.“

So aber kann selbst eine kleine Gabe vielen Menschen zur Hilfe werden. Solange wir ängstlich alles für uns behalten wollen und immer auf der rationalen, berechenbaren Seite des Lebens bleiben, werden wir vermutlich keine Wunder erleben.
Viele Gemeinden fragen sich zurzeit: „Was wird aus uns?“ Ich glaube, dass die Kirche vor allem dann Zukunft haben wird, wenn sie die Frage andersherum stellt, nämlich: „Was wird aus den Menschen um uns herum?“

Jesus hat diese Frage gestellt, und sie auf seine Weise beantwortet: „Und die Menschen aßen und wurden satt. Danach sammelten sie die Reste und füllten damit sieben Körbe. Es waren etwa viertausend Menschen. Und jetzt, gesättigt an Seele und Leib, schickte Jesus sie nach Hause.“

Amen.

(Bilder zum Gottesdienst finden Sie unter „Fotos/Ernterdankfest 2020)

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16. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Prädikantin Ulrike Schumacher aus Wössingen.
Thema des Sonntags: „Der starke Trost“
Predigttext: Hebräerbrief 10, 15, 36 + 39

Liebe Gemeinde!
Der heutige 16. Sonntag nach Trinitatis ist überschrieben mit den Worten:
„DER STARKE TROST!“
Das hat mich direkt angesprochen: TROST!
Also ich brauche Trost, unbedingt, im Moment mehr denn je.
Als ich zuletzt hier in Diedelsheim Gottesdienst halten durfte, hat mich noch mein lieber Vater begleitet, der leider vor kurzem verstorben ist.

In den letzten Wochen durfte ich Trost auf vielfältige Weise erfahren:
Menschen haben tröstende und ermutigende Worte geschrieben.
Andere haben Unterstützung angeboten.
Etliche sind zu Besuch gekommen.
Gespräche und Erinnerungen können hilfreich sein und trösten.

Einen starken Trost bekam ich allerdings von meinem Vater selbst kurz vor seinem Tod zugesprochen, der mich seither bewegt und begleitet.
„Jesus lebt, mit ihm auch ich, Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht! Dies ist meine Zuversicht!“

In dieser Zuversicht auf das ewige Leben konnte er getrost seinen letzten Weg gehen und sterben.
Kurze Zeit später begegnete mir die 1.Frage im Heidelberger Katechismus:
„Was ist nun dein einiger Trost im Leben und im Sterben?“

Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, beides im Leben und im Sterben,
nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin…!“

Das ist mir Zuversicht und mein Trost:
Ich gehöre zu Jesus Christus, er hat mich erlöst!

Der heutige Sonntag feiert Jesus als den Überwinder des Todes, Ostern im Herbst, sozusagen!!!
Es ist wie ein Gleichnis: Im Herbst wird die Vergänglichkeit der Natur sichtbar genauso wie im Herbst des Lebens, wo man sich der eigenen Vergänglichkeit bewusster ist als in der Jugend.

Einen starken Trost haben diejenigen, die an der angebotenen HOFFNUNG festhalten!!!
Ich kann und darf diese Worte für mich persönlich nehmen.
Ja: Ich will Jesus vertrauen und Trost bei ihm suchen, ich muss aber leider zugeben:
Immer wieder überfällt mich wider besseres Wissen Trostlosigkeit.

So ähnlich ging es wohl den Empfängern des Hebräerbriefes auch.
Sie lebten ihren Glauben von Ostern her, voll Zuversicht + Auferstehungshoffnung, ausgerichtet auf das große Ziel: Gottes ewiges Reich.
Sie erwarteten praktisch täglich die Wiederkunft Jesu.
Aber die ließ auf sich warten.
Darüber waren sie müde geworden.
Enttäuschung und Trostlosigkeit schlichen sich in ihre Herzen.

Mir kommt das alles sehr vertraut vor!
Geht es Ihnen auch so?

In diese Situation hinein spricht der Schreiber des Hebräerbriefes.

Ich lese aus dem
Hebräerbrief im Kapitel 10, 35,36+39
35 Werft euer Vertrauen nicht weg; welches eine große Belohnung hat.
36 Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung empfangt.
39 Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen zum Verderben,
sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

Was für ERMUTIGUNGEN!
Ich will sie aufgreifen und uns zusprechen.
Ermutigung eins:
„Werft euer Vertrauen nicht weg!
Es lohnt sich!“

Da ist vom Vertrauen die Rede, das nicht weggeworfen werden soll.
Und weil nur weggeworfen werden kann, was man zuvor besessen hat,
setze ich also voraus, dass die angesprochenen Personen einmal Vertrauen gehabt haben müssen.

Vertrauen ist nicht von Anfang an da, es wächst und es entwickelt sich.
Es reift heran in Beziehungen und durch Erfahrungen.
Ich denke z.B. an die vertrauensvolle Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern.
Als Kind habe ich gewusst:
Ich kann immer zu meinen Eltern kommen. Sie meinen es gut mit mir. Sie unterstützen und begleiten mich.

Genauso habe ich es auch erfahren, als ich Christ geworden bin.
Ich habe Vertrauen zu Gott gefasst.
Ich habe ihm mein Leben anvertraut.
Ich bin in Beziehung zu ihm getreten.
Ich weiß, dass ich mit allem zu Gott kommen kann.
Ich kann mich felsenfest auf ihn verlassen.
Ich weiß auch:
Er verlässt mich auch dann nicht, wenn ich in eine Krise gerate.
Und Lebenskrisen kommen, unweigerlich!

Krisen haben auch die Hebräer zur Genüge erlebt.
So viel, dass sie dachten: „Es reicht! Wir sind am Ende unserer Kraft.“
Sie wurden wegen ihres Glaubens bedroht, mussten Einschränkungen
hinnehmen, Verfolgung und Ungerechtigkeit.

Wenn wir an unsere eigenen Lebenskrisen denken, erinnern wir uns vielleicht, dass es uns ähnlich ergangen ist und wir oft am Ende unserer Kraft waren.
Wir erinnern uns, wie schwer es uns gefallen ist, mitten in der Krise,
nicht zu verzweifeln und unterzugehen.
Da können wir schon mal dran denken, alles aufzugeben, Vertrauen wegzuwerfen.

Das weiß der Schreiber des Hebräerbriefes.
Darum spricht er diese ERMUTIGUNG aus:
„Liebe Leute, werft euren Glauben, werft euer Vertrauen nicht über Bord!
Bleibt dran, bleibt in Verbindung mit Gott.
Es lohnt sich!
Eine reiche Belohnung erwartet euch.“
Was ist nun die REICHE BELOHNUNG?
Die hat mit der 2. Ermutigung zu tun!

Ermutigung zwei:
„Seid geduldig – und ihr bekommt das Verheißene!“
Mit GEDULD ist es bei mir nicht weit her!
Ein kleiner Junge aus dem Kindergarten ist mir zum Vorbild geworden:
Wir hatten Äpfel gegessen, die Apfelkerne gesammelt und einige in Blumentöpfe eingepflanzt.
Am Anfang wurde jeden Tag eifrig nachgeschaut, ob etwas wächst.
Es wurde gegossen und auch mal mit dem Finger im Erdreich gebohrt. . .
Lange Zeit geschah nichts.
Das Interesse schwand immer mehr.

Ein Junge hatte seinen Blumentopf mit nach Hause genommen.

Einige Monate später brachte er stolz eine winzige Pflanze von zuhause mit, ein Miniapfelbäumchen.
Es hatte gerade mal zwei Blätter.
Voller Staunen wurde es betrachtet.
Der Junge hatte Geduld und Ausdauer.
Und am Ende hat es sich gelohnt!!!

Geduld haben wir nötig, gerade auch in unserer Gemeinde und überall da, wo es um Menschen geht.
Wachsen und reifen braucht Geduld und es braucht Zeit.
Das ist im Glauben nicht anders.
Nicht umsonst verwendet Jesus so oft Gleichnisse, in denen vom Säen und Wachsen und vom Reifen der Früchte die Rede ist.
Gott vertraut uns Dinge an, die wir treu und zuverlässig verwalten sollen.
Unser Einsatz besteht im Säen und Pflegen.
Das Wachsen geschieht ohne unser Zutun.
Es liegt nicht in unserer Hand.
Wachsen und Reifen wirkt Gott.

Für mich gehören Geduld und Vertrauen in diesem Zusammenhang
untrennbar zusammen:
Zum einen brauchen wir einen langen Atem bis aus einem winzigen Samen Frucht gewachsen ist: Also Geduld!
Zum anderen liegt gerade dieses Wachsen nicht in unserer Hand.
Wir müssen Gott zutrauen, dass er es wachsen und reifen lässt.
Das bedeutet für uns:
Verantwortung abgeben in der Zuversicht:
Gott wird’ s wohl machen.
Das ist Vertrauen- Gottvertrauen!

Am Ende steht eine große Verheißung:
„Seid geduldig – und ihr bekommt das Verheißene!“

Was ist damit gemeint? Die Verheißung, die hier angesprochen wird, meint:
Gottes verlässliche Zusage des Heils.

Heil!
Etwas Ganzes, nichts Zerbrochenes!
Heil,
bereinigte Beziehung zu Gott.
Heil,
bereinigte Beziehungen zu meinen Mitmenschen.
Heil,
frei von Krankheit und Schmerz, frei von Leid und Tod.
Heil
der Seele, frei von Angst und Gebundenheit.

Sie ahnen es vielleicht schon:
Die Verheißung bezieht sich in etlichen Punkten noch auf die Zukunft.
Auf etwas, das noch nicht erfüllt ist!
Aber sie ist im Werden!
Das Heil ist in Jesus Christus auf den Weg gekommen, hat mit ihm und durch ihn begonnen, ist aber noch nicht vollendet.
Vertrauen auf Gott hat eine Verheißung.
Wir können und dürfen unsere Zuversicht ganz auf Gott setzen.
Lasst uns am Glauben festhalten im Wissen, dass Gott uns trägt und hält im Leben und durch’s Sterben hindurch.
       Und der Friede Gottes,
       der höher ist als alle Vernunft
       bewahre unsere Herzen und Sinne
       in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

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15. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Prädikant Volker Geisel

Predigt über 1. Mose 2, 4b-9,15
Diedelsheim und Dürrenbüchig – 20.09.2020 – 15. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,
auch wenn es in diesem Sommer mit dem Reisen nicht so ganz einfach war – vielleicht haben Sie sich dennoch oder gerade deshalb an schöne
Urlaube in früheren Jahren erinnert. Und vielleicht kam Ihnen dabei das eine oder andere Urlaubsparadies in den Sinn – wobei diese Orte ja manchmal auch ganz nah liegen können.
Nicht nur von irgendeinem Urlaubsparadies, sondern von dem Paradies schlechthin erzählt unser heutiger Predigttext. Hören wir auf die Worte aus  dem 1. Buch Mose im 2. Kapitel:

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.
Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.
Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Liebe Gemeinde, wir alle haben sicher versucht, den Sommer so gut es geht zu genießen. Vielleicht haben wir im Garten unser eigenes kleines Paradies erschaffen. Vielleicht haben wir uns Momente der Ruhe, der Besinnung und des Krafttankens gegönnt – haben einfach einmal die Seele baumeln lassen.

Womöglich haben wir entdeckt, dass in der Ruhe auch Gedanken, Fragen oder Zweifel aufkommen können, die wir sonst mit unserer Alltagshektik zudecken und verdrängen. Manchmal sind da auch ganz elementare Fragen dabei: Wer bin ich? Was ist meine Aufgabe im Leben? Welche Ziele verfolge ich? Was habe ich noch zu erwarten?

Genau um solche Fragen dreht sich auch unser Predigttext. Er erzählt im
mythologischen Gewand davon, was der Mensch in Beziehung zu Gott, seinem Schöpfer und Herrn, ist.

Neben der ersten Schöpfungserzählung, die die einzelnen Schöpfungstage schildert, finden wir hier eine zweite Darstellung. Dabei sind die biblischen
Schöpfungsgeschichten weder an historischen Abläufen noch an naturwissenschaftlichen Tatsachen orientiert oder interessiert. Sie erfolgen eine andere Absicht.

Die Schöpfungsmythen führen uns nicht historisch an den Anfang der Zeit, sondern sie führen nach innen, an den Ursprung unseres menschlichen Wesens, an die Quelle unseres Daseins. Sie führen uns zu Gott. Und sie antworten auf die Fragen: Was ist der Mensch? Und was will Gott vom Menschen?

Werfen wir einmal einen Blick darauf, wie der Mensch nach dieser Erzählung geschaffen wurde: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“

Daher, dass der Mensch aus Staub, aus Erde gemacht wurde, hat er seinen Namen – Adam. Denn die Erde heißt auf Hebräisch „Adama“. Der Name „Adam“ bedeutet dann wörtlich übersetzt „Erdling“.

Dieser Titel drückt die Verbundenheit des Menschen mit der Schöpfung aus.  Der Mensch ist ein Teil der Schöpfung. Sein Körper ist irdisch, von der Erde genommen – das heißt aber auch vergänglich.

Es gibt eine wunderbare Dokumentation der BBC über das Universum, den Kosmos, seine Ausdehnung, seine Entstehung, seine Beschaffenheit. Im Grunde, so sagen die Wissenschaftler, bestehen alle Planeten, alle Sterne – wenn auch in unterschiedlicher Zusammensetzung – aus denselben Elementen.

Zum Großteil ist auch der menschliche Körper aus diesen Stoffen gebildet – und so folgern die Wissenschaftler fast schon poetisch: Wir sind alle Sternenstaub.

Unser Körper ist also irdisch und eigentlich eine unbelebte Masse. Sie wird erst durch Gottes Odem zum Leben erweckt.

In der Tat hängt ja alles Leben am Atem. Er ist das Band zu Gott, der uns mit jedem Atemzug zuflüstert: „Du lebst nicht aus eigener Kraft, sondern durch meinen Lebenshauch. Die Kraft zum Leben strömt dir in jedem Moment von außen zu.“

Der Atem durchströmt und belebt uns, ähnlich wie wir es auch durch den Geist Gottes erfahren. Das Leben ist ein göttliches Geschenk.

So heißt es im Psalm 104: „Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu das Antlitz der Erde.“ „Nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.“

So belebt Gottes Atem unseren vergänglichen Körper. Doch darin liegt zugleich die tiefe Hoffnung und die tröstliche Gewissheit verborgen, die beim Prediger Salomo mit diesen Worten festgehalten ist: „Der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.“

Das Eigentliche, Wesentliche des Menschen, die körperlose Seele, der Geist, der ist von Gott und bleibt in Gott, und er wird über den Tod hinaus in Gott ewig leben. Unser irdischer Körper kehrt zur Erde zurück, von der er genommen ist. Unsere Seele aber ist göttlich und kehrt zu ihm zurück.

Liebe Gemeinde, über diese grundlegenden Gedanken hinaus lenkt die zweite Schöpfungserzählung unseren Blick auch schon einmal auf den Baum der Erkenntnis, der im Garten steht.

Wir wissen schon, welches Drama damit in Verbindung steht: Es ist das Drama der eigentlichen Menschwerdung. Denn der Mensch trat in besonderer Weise aus dem Reich der übrigen Geschöpfe hervor, als er ein Bewusstsein, ein Gewissen bekam und als er lernen musste zu unterscheiden zwischen Gut und Böse.

Das ist die Besonderheit und zugleich die Herausforderung des Menschen: Er hat einen freien Willen, Dinge zu tun oder zu lassen. Dabei folgt er keinen Instinkten, sondern seinem Verstand.

Das ist sein Dilemma. Denn von nun an muss er ständig Entscheidungen treffen. Diese Freiheit ist seine Aufgabe. Sie ist damit verbunden, dass Gott uns in seine Schöpfung hineingestellt hat: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“

Damit wird klar: Wir haben Verantwortung. Gott stellt jede und jeden von uns an seinen Platz im Leben. Dort haben wir verantwortlich zu handeln. Es liegt an uns, Entscheidungen zu treffen. Deshalb sind wir gefordert, eine Ethik und eine Moral zu entwickeln.

In dieser Herausforderung sind wir auch Gedanken aus anderen Religionen nahe. Der Dalai Lama beispielsweise stellt zwei Grundsätze einer Ethik in den Mittelpunkt seiner Überlegungen:

 Erstens: Jeder Mensch hat das Recht und den Willen, glücklich zu sein, und er soll sein Handeln danach ausrichten.
 Und zweitens: Bei allem, was wir tun, ist es uns aufgetragen, soweit es in unserer Macht steht und wir es übersehen können, Leid zu vermeiden.

Jesus sagt das so: „Liebe deinen Nächsten, liebe sogar diejenigen, die dir feindlich gesonnen sind, liebe dich selbst und liebe Gott.“

Gott selbst ist pure Liebe. Sein Geist ist strömende Liebe, ist Odem, Lebenshauch, und damit erfüllt er unser Wesen und gibt uns unsere Bestimmung ein: Wir sollen lieben.

Und da unser Leben und das Leben aller Menschen untereinander verbunden sind, und da alles mit allem, jedes Geschöpf mit der gesamten Schöpfung verbunden ist, ist die Bewahrung der Schöpfung mit inbegriffen.

Liebe Gemeinde, am Anfang habe ich das Thema dieses Sonntags angesprochen: „Sorget euch nicht!“ Und jetzt müsste es fast im Gegenteil heißen: „Sorget euch! Kümmert euch!“ – Auf den ersten Blick sieht das nach einem Widerspruch aus. Aber das ist es nicht.

Denn beides gehört zusammen: Wir sollen uns umeinander kümmern, einen Blick und – mehr noch – ein ermutigendes Wort und eine helfende Hand füreinander haben. Wir sollen pfleglich mit der Schöpfung umgehen und dafür sorgen, dass wir uns nicht selbst die Lebensgrundlage entziehen.

Aber wir sollen uns nicht sorgen, ob wir das alles schaffen können. Wir sollen uns nicht überfordert fühlen oder den Mut verlieren, weil wir doch immer wieder Fehler machen oder uns die Kräfte verlassen

„Sorget nicht“ – das hat etwas Entlastendes. Gott sagt uns: Ich habe Erwartungen an euch, ich gebe euch Verantwortung, und ich traue euch etwas zu. Aber bevor ihr etwas tut, habe ich euch meinen Odem, meinen Lebenshauch gegeben. Bevor ihr die Liebe in die Welt hinaustragen sollt, habe ich eure Hände mit meiner Liebe gefüllt.

Und darum wollen wir uns mit dem nächsten Lied zu singen lassen: „Gott gab uns Atem, damit wir leben.“ Amen.

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14. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Herr Prädikant Frasch.
Predigt-Text: Lukas 19, 1 -10

Herr, wir bitten Dich, sende Du nun auf uns herab Deinen Heiligen Geist, damit unser Reden, Hören und Verstehen gesegnet sei.
AMEN

Liebe Schwestern und Brüder,
unser heutiger Predigttext ist eine Geschichte, die wir alle bestimmt fast schon auswendig kennen.
Sie spielt in einer Stadt, die schon im Alten Testament eine große Rolle spielte.
Das jüdische Volk war nach seiner langen Wanderung durch die Wüste endlich an ihrem Ziel im gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen sollten, angekommen.

Schauplatz ist die Stadt Jericho.
Eine reiche Stadt.
Und der Handel in dieser Stadt blüht.
Durch den Wasserreichtum wachsen dort Dattelpalmen und andere Früchte.
Aber auch die Balsamstaude wächst dort.
Pilger müssen auf ihrem Weg nach Jerusalem diese Stadt passieren, auch davon profitiert diese Stadt.

Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass Zölle auf alle mögliche Art und Weise eingetrieben werden.
Die römische Besatzungsmacht vergab und verpachtete solche Zollstationen an die Meistbietenden.
Und diese Einnahmequelle nutzen die Zöllner natürlich aus,
Denn sie wollen schnell reich werden.
Und dies gelingt nur durch Erpressung, Betrug und Ungerechtigkeit.
Ein kleiner Mann kommt nun ins Spiel der Geschichte.

Sein Name Zachäus.
Auch er ein Zöllner.
Verhasst bei seinem eigenen Volk.
Ein Handlanger der römischen Besatzungsmacht.
Ein Betrüger.
Ein Außenseiter.

Und nun ist Jesus auf dem Weg nach Jericho.
Bevor er jedoch die Stadt erreicht, heilt er auf dem Weg dorthin einen blinden Bettler.
Der Geheilte ist begeistert von Jesus und lobt ihn, so dass sein Ruf schon voraus eilt.
Zachäus ist ein reicher Mann und doch so arm und allein wie der blinde Bettler, der gerade von Jesus geheilt wurde.
Irgend etwas in ihm sagt ihm jedoch, dass er diesen Jesus unbedingt sehen muss.
„Und er suchte Jesus zu sehen, wer er sei.“
Doch er hatte ein Problem.
Er war klein.
Und er konnte auch nicht über die Schultern oder Köpfe der Menschen schauen, die sich am Straßenrand versammelt hatten.
Und nach vorne an den Straßenrand hätten sie ihn, den verhassten Zöllner, bestimmt nie gelassen.

Er musste sich also etwas einfallen lassen.
Denn er wollte Jesus ja unbedingt sehen.
Und so fiel sein Blick auf einen Maulbeerbaum. Er läuft zu diesem Baum und klettert durch die niedrigen Zweige auf den Baum.
Da sitzt er nun.
Der Reiche und doch so kleine Mann.
Und Jesus findet den Zöllner Zachäus, als er am Baum vorbeiläuft.
Mehr noch.
Jesus redet ihn mit seinem Namen an.
Und Jesus lädt sich fast schon aufdringlich bei Zachäus in dessen Haus ein.
„Zachäus, komm schnell herunter.
Heute muss ich bei dir in deinem Haus einkehren.“
Er, der Kleine, der so hoch gestiegen ist.
Er, der Kleine, der so hoch hinaus wollte.
Er, der Kleine, der sich verstiegen hat.
Er, der Kleine, der sich vielleicht sogar im Geäst des Baumes verstecken wollte.

Zachäus muss total überrascht gewesen sein.
Wieso kannte Jesus seinen Namen?
Und nun kommt Jesus zu ihm nach Hause? Er wäre bestimmt nie auf die Idee gekommen, Jesus bei sich einzuladen.
Und so beeilt sich Zachäus, vom Baum herunter zu kommen.
Er weiß, dass diese Begegnung mit Jesus sein bisheriges Leben radikal verändern wird.

Und wie, liebe Schwestern und Brüder, sieht es bei uns aus?
Hören wir wenn Jesus uns ruft?
Steigen wir herab von unserem ganz persönlichen Baum?
Ein Baum, in dem wir uns in den Zweigen eher verstecken, als dass wir gesehen werden wollen?
Wir alle sind hier heute Morgen zusammen gekommen als Suchende.
Und wenn Jesus uns nun sucht, dann sollten wir ihm auch antworten.
Denn wir sitzen doch nicht zufällig in diesem Gottesdienst und hören die Predigt aus Gottes Wort.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn Jesus in unser Leben kommt, dann erkennen wir, was bisher falsch gelaufen ist in unserem Leben.
Aber kehren wir doch noch einmal zu dem Zöllner Zachäus zurück.
Die Menschen damals regen sich über die Menschenfreundlichkeit von Jesus auf.
„Bei einem Sünder kehrt er ein“, so rufen sie.
Aber Jesus macht dem Zachäus keine Vorwürfe.
Jesus weist ihn auch nicht zurück.
Besser noch, er verwandelt ihn, indem er ihn anschaut und ihn bei seinem Namen nennt.
Jesus kehrt sogar bei ihm ein, und sie essen zusammen im Haus des kleinen Mannes.
Und dort wächst Zachäus noch einmal über sich hinaus.
„Siehe, Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück.“
Zachäus ist zu einer radikalen Änderung seines bisherigen Lebens bereit.
Er ist bereit, alle Dinge anders anzupacken und sein Leben zu ändern aus der Liebe heraus, die er bei Jesus gefunden hat.

Die Frommen damals und heute, es gibt sie immer noch und sie blieben und bleiben dieselben und sie meckerten und sie meckern auch heute noch.
Aber dies sollte uns nicht stören, denn Jesus spricht jeden und jede von uns an, damals wie heute, mit all unseren kleinen und vielleicht auch großen Fehlern.
Und stellen wir uns einmal folgendes vor, wie sich die Welt verändern könnte, wenn all die kleinen Menschen mit Macht, und ich spreche dabei von den Despoten dieser Welt, von Jesus angesprochen fühlen würden….

Aber dies ist eine andere Geschichte.
Und der Friede und die Liebe Gottes, welche größer sind als alles, was wir je verstehen werden, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN.

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13. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Herr Pfarrer Wolfgang Brjanzew aus Forst.
Predigt-Text: Apostelgeschichte 6,1-7

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte,
die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.
6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Unser Bibeltext aus der Apostelgeschichte enthält interessante Informationen über die Entstehung der Diakonie. Zu-gleich zeigt er uns, wie man in einer christlichen Gemeinde auf anständige Art und Weise Konflikte lösen kann.
Die Ausgangssituation sieht folgendermaßen aus: Die Gemeinde in Jerusalem ist noch jung. Sie ist attraktiv und wächst ständig. Doch irgendwann kommt ein Murren auf. Es entsteht bei den griechisch sprechenden Gemeindegliedern. Sie bilden eine der z. T. ganz unterschiedlich geprägten Gruppierungen innerhalb der Gemeinde. Da gibt es z. B. die Gruppe der wohlhabenden Christen aber auch eine große Schar armer Leute. Die Mehrheit der Gemeindeglieder kommt aus Jerusalem und dem judäischen Umland. Sie sprechen aramäisch. Andere Gemeindeglieder kommen aus verschiedenen Gegenden des Mittelmeerraumes. Sie verständigen sich untereinander auf Griechisch. Damals eine Weltsprache wie heute englisch.
Diese sozial und kulturell ganz unterschiedlich geprägten Christusgläubigen treffen sich gemeinsam zum Gottesdienst und zum Gebet. Sie beschäftigen sich mit der Lehre Jesu und den heiligen Schriften des Judentums. Man pflegt auch die Geselligkeit und nimmt gemeinsame Mahlzeiten ein. Dazu bringt jeder mit, was ihm möglich ist und dann wird alles miteinander geteilt. So geht beim gemeinsamen Essen niemand leer aus. Auch die Armen kommen nicht zu kurz. Darüber hinaus kümmert sich die Ge-meinde auch um die Versorgung der mittellosen Witwen. Eine gesetzliche Rente oder soziale Grundsicherung gibt es ja damals noch nicht. Das bereits erwähnte Grummeln entsteht in der Gruppe der griechisch sprechenden Gemeindeglieder. Sie beschweren sich darüber, dass ihre Witwen bei den gemeindlichen Versorgungsaktionen übersehen werden. Um dieses Verteilungsproblem einer schnell wachsenden Gemeinschaft und seine Lösung geht es in unserem Bibeltext. Dabei bietet er Anregungen, die bis heute wegweisend sind für einen angemessenen Umgang mit Konflikten in der Gemeinde. Dazu gehört:

1. Die bewusste Wahrnehmung des Konflikts
Um einen Konflikt lösen zu können, muss man ihn zuerst einmal erkennen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Dennoch kommt es in unseren Gemeinden gar nicht so selten vor, dass ein schwelender Konflikt einfach übersehen oder sogar gezielt ausgeblendet wird. Vielleicht weil man hofft, dass sich das Problem irgendwann einmal von selbst lösen wird. Die Verantwortlichen in der Jerusalemer Gemeinde handeln anders: Sie hören das Murren und ignorieren es nicht. Sie nehmen es zur Kenntnis und zum Anlass für einen weiterführenden Schritt …

2. Das gemeinsame Besprechen des Konflikts
Als die griechisch sprechenden Christen murren, wird eine Gemeindeversammlung einberufen. Das aktuelle Problem wird nicht unter den Teppich gekehrt. Es kommt vielmehr ganz offiziell auf den Tisch. In manchen Gemeinden scheut man sich, Konflikte offen anzusprechen. Man fragt sich: Ist es denn nicht unanständig, dass es unter uns Christen über-haupt Konflikte gibt?
Das Neue Testament erwähnt jedenfalls mehrfach Auseinandersetzungen in der Gemeinde. Und das ist auch nicht verwunder-lich: Konflikte im Zusammenleben von Menschen sind ja nichts Außergewöhnliches. Auch nicht im Zusammenleben von Christen. Das ist zwar nicht unbedingt schön aber völlig normal. Allerdings sollten gerade Christen Konflikte möglichst rasch bearbeiten und überwinden. Dabei sollte ihr Umgang miteinander von Gerechtigkeit, Liebe und Respekt getragen sein. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist …

3. Die möglichst genaue Beschreibung des Problems
Am Anfang steht die Frage: Worum geht es denn und welche Gesichtspunkte müssen wir berücksichtigen?
Auf der Jerusalemer Gemeindeversammlung beschreiben die Leitungsverantwortlichen das anstehende Problem so: Es liegt eine Beschwerde vor. Sie betrifft die Versorgung der Witwen unter unseren griechisch sprechenden Gemeindegliedern. Sie wurden offenbar wiederholt übersehen.
Da wird also nichts abgestritten oder beschönigt. Doch es wird deutlich klargestellt: Das Problem kann nicht auch noch von den Aposteln gelöst werden, die bereits voll ausgelastet sind. Sie sagen: Wir arbeiten schon bisher am Limit. Wenn jetzt auch noch der Sozialdienst an uns abgedrückt würde, dann müssten wir den Dienst am Wort vernachlässigen. Das darf nicht sein. Nach dieser sachlichen Situationsanalyse folgt der nächste Schritt einer angemessenen Konfliktlösung in der Gemeinde …

4. Die Entwicklung einer Konfliktlösungsstrategie
Die Gemeindeleitung stellt klar: Es gibt bei uns ein echtes Problem und das muss unbedingt gelöst werden. Weil wir Mitarbeiter im Verkündigungsdienst nicht noch mehr Aufgaben übernehmen können, müssen unbedingt weitere Helfer gewonnen werden. Die sollen sich ganz speziell um die Sozialarbeit in unserer Gemeinde kümmern. Diese Leute müssen für ihren Dienst eine besondere Eignung mitbringen. Sie sollen über einen guten Leumund verfügen, also vertrauenswürdig sein. Sie sollen vom Heiligen Geist erfüllt, also gläubig sein und ihren Dienst in der Vollmacht des Herrn tun können. Außerdem sollen sie weise sein. Dabei geht es hier nicht um philosophische Weisheit, son-dern eher um das, was wir heute als Fachkompetenz bezeichnen. Nach dieser Entscheidung für eine sinnvolle Strategie folgt als nächster Schritt …

5. Die Realisierung der Konfliktlösungsstrategie
Dass eine geplante Strategie auch praktisch umgesetzt werden muss, bedarf das überhaupt noch einer besonderen Erwähnung? Das sollte doch selbstverständlich sein. Und eigentlich ist es das auch. Dennoch bleibt es leider viel zu oft bei guten Vorsätzen, ohne dass der guten Idee auch wirklich konkrete Taten folgen.
Da rumort ein Konflikt in der Gemeinde. Er wird in einer Gemeindeversammlung besprochen und genauestens analysiert. Danach wird ein geeigneter Weg zur Konfliktlösung gesucht und gefunden. Der Kirchengemeinderat fasst einen entsprechenden Beschluss. Der wird dann auch noch vorschriftsmäßig ins Protokollbuch eingetragen. Alle atmen erleichtert auf und sind froh und glücklich. Doch dann gibt es schon bald wieder neue Herausforderungen. Man muss sich von heute auf mor-gen wieder anderen Aufgaben zuwenden. Und eh man sich versieht ist die getroffene Entscheidung niemanden mehr recht präsent. So schlummert sie dann, ohne jemals umgesetzt worden zu sein, bis zum St. Nimmerleinstag oder bis zum erneuten Hochkochen des Konflikts im Protokollbuch des Kirchengemeinderates.
In Jerusalem wurde anders verfahren. Zunächst wurden ge-mäß dem beschlossenen Persönlichkeitsprofil Kandidaten für den Sozialdienst gesucht und gefunden. Dann wurde eine Wahl durchgeführt und danach erfolgte die offizielle Beauftragung der Gewählten. Im Rahmen dieses Aktes wurde für sie gebetet und anschließend wurden sie für ihren Dienst als Diakone auch noch gesegnet. Auf der Titelseite unseres Gottesdienstbegleiters sehen Sie eine mittelalterliche Darstellung dieses Einführungsaktes, bei dem der Apostel Petrus einem der sieben Diakone gerade das Abendmahl reicht.
So wurde damals in Jerusalem ein Konflikt gelöst. Dazu wurde ein kirchlicher Arbeitsbereich ins Leben gerufen, den wir bis heute als „Diakonie“ bezeichnen. Sie gründet sich auf die Schaffung des Diakonenamtes, von dem in Apostelgeschichte 1,6-7 die Rede war. Dass dieser Schritt unter dem spürbaren Segen Gottes stand, beschreibt unser Predigttext ganz nüchtern so: Das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wuchs.
Schon sehr früh erkannte die Christenheit, dass die praktische Nachfolge Jesu beides braucht: Den Dienst am Wort und den Dienst der Liebe. In diese Sinne entwickelte die Kirche institutionelle Angebote sowohl im Bereich von Predigt, Liturgie und Lehre als auch auf der Ebene eines vielfältigen sozialen Engagements für Arme und Notleidende. Angesichts der Größe des dabei von ihr zu beackernden Feldes ist Kirche arbeitsteilig unterwegs. Auf diese Weise trägt sie sowohl der Fülle der von ihr zu bewältigenden Aufgaben Rechnung als auch der Vielfalt der unterschiedlichen Gaben, die der Herr ihr anvertraut hat.
Als getaufte Christen sind wir alle miteinander zum Dienst der Nachfolge Jesu berufen. Aber niemand ist für alles verantwortlich. In der Gemeinde Jesu ist Arbeits- und Lastenteilung angesagt. Jedes Gemeindeglied soll sich mit den Gaben einbringen, die es empfangen hat. So sollen wir uns – wie es im 1. Petrusbrief heißt – als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes erweisen. Sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Angaben zum Verfasser der Predigt
Der evangelische Theologe Wolfgang Brjanzew lebt in Forst bei Bruchsal. Er war unter anderem Gemeindepfarrer und Religionslehrer, fast zwei Jahrzehnte lang Dekan des Kirchenbezirks Karlsruhe-Land und danach bis zu seiner Pensionierung im Oberkirchenrat als landeskirchlicher Beauftragter für die Organisation und inhaltliche Gestaltung der Reformationsdekade innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Baden zuständig.
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