Archiv Juli – August


gesammelte Beiträge aus Corona-Zeiten 2020:


12. So. nach Trinitatis
11. So. nach Trinitatis
10. So. nach Trinitatis
9. So. nach Trinitatis
8. So. nach Trinitatis
7. So. nach Trinitatis
6. So. nach Trinitatis
5. So. nach Trinitatis
4. So. nach Trinitatis


12. So. nach Trinitatis


(Den Gottesdienst hält Frau Esther Richter. Ihre Predigt wurde uns nicht zur Veröffentlichung freigegeben. / Der vorliegende Predigttext wurde von Pfarrer Weiß zur Verfügung gestellt.)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Das Leben ist eine Baustelle. Es gibt immer etwas zu tun. Und wer an der einen Seite fertig geworden ist, entdeckt auf der anderen Seite wieder etwas anderes. Das gilt nicht nur für Menschen, die in Altbauten leben.
Für unsere Zeit in Diedelsheim kann ich schon gar nicht mehr alle die Baustellen aufzählen, die allein in diesem kleinen Straßenabschnitt von drei Hausnummern um unser Haus herum aufgetan und wieder zugeschüttet wurden.

Vielleicht erinnern Sie sich ja auch noch an den riesigen Kranwagen, der sogar fast höher war als der Diedelsheimer Kirchturm und für die Dachreparatur darüber hinweg schwenkte.
So eine Baustelle ist schon etwas Beeindruckendes. Wenn Sie mit kleineren Kindern an einer vorbeikommen, dann wollen die auf jeden Fall stehenbleiben und gucken. Am liebsten würden die Kleinen ihr Sandeimerchen holen und mithelfen.
In Dürrenbüchig waren nicht alle Arbeiten so augenfällig. Aber auch dort gab und gibt es immer wieder etwas zu tun. Gerade bereiten wir uns auf die Reparatur einiger Fenster und der Elektrik vor.

Einige von Ihnen haben selbst schon ein Haus gebaut und wissen, dass es dabei auf Vieles ankommt. Die Pläne müssen stimmen. Es kann nicht einfach darauf losgebaut werden. Der Untergrund muss passen. Man kann ein Haus nicht einfach in den Sand setzen. Das Fundament, der Grund muss richtig gegossen sein, sonst fällt das Ganze später bei einem einfachen Windstoß um.

In einem übertragenen Sinn erinnern uns diese Überlegungen auch an die derzeitigen gesundheitlich unsicheren Zeiten. Ein sicher geglaubtes Gebäude fällt plötzlich ein wie ein Kartenhaus. Und erneut heißt es: Kräftig durchatmen und dann: Los geht’s! Das neue Gebäude wird dann sicher nicht mehr so aussehen können wie früher, vielleicht wird es kleiner werden (müssen), vielleicht bleiben die Hecken zum Nachbargrundstück wegen der Kontaktmöglichkeiten niedriger, wir brauchen höchstens noch eine Garage statt bisher zwei.

Bauen wird auch in der Bibel oft als Bild verwendet. Die Heilige Schrift knüpft damit an Alltagserfahrungen der Menschen an. Mit Worten und Inhalten, die den Menschen vertraut sind, wird ihnen erzählt, was Gott mit ihnen vorhat, was sein Wille ist.

Auch der heutige Predigttext greift dieses Bild vom Bauen auf. Hören/ lesen einen Abschnitt daraus: 1. Kor 3,9-15!
9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,
13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Liebe Gemeinde,
Sie haben es beim Hören des Briefes mitbekommen: Es sind eigentlich drei Themenbereiche, die der Apostel hier benennt: 1. Das Motiv vom Grundstein, 2.die Frage der Mitarbeiter Gottes und 3. die Frage nach der Verantwortung der Menschen vor Gott im Gericht.

Sehen wir uns aber zunächst noch einmal dieses Bild vom Bauen an. Paulus nennt sich hier selbst einen Baumeister. Diesen Beruf gibt es heute in dieser Weise nicht mehr so oft. Das ist im Grunde ein Handwerker, ein Maurer oder Zimmermann, der dann vielleicht noch studiert hat und dadurch zum Architekten geworden ist.
Als solcher hat der Apostel die Pläne für die Gemeinde in Korinth entworfen. Und durch seine Predigt hat er dazu beigetragen, dass ein solides Fundament die neue Gemeinde trägt. Der Bau ist noch nicht fertig. Andere können und sollen durch ihre Fähigkeiten und mit ihren Gaben daran weiterwirken. Das Haus ist noch nicht vollendet, es ist eher eine Baustelle, auf der vielleicht gerade Richtfest gefeiert worden ist.
Die Mitarbeiter Gottes, also der zweite Themenkreis seiner Worte nach Korinth, waren zunächst einmal seine engsten Vertrauten, wie der ein paar Verse zuvor genannte Apollos. Aber Paulus denkt hier auch schon an die Korinther selbst, die an seinem Bau weiterarbeiten. Schließlich soll das Ganze nicht nur ein Rohbau bleiben. Alle haben Fähigkeiten, die sie einsetzen können; alle können irgendwie mitmachen. Und wenn es bei der Verpflegung der Bauleute ist. Insofern bin ich auch ganz zuversichtlich, dass Sie in Dürrenbüchig und Diedelsheim (und anderswo) alle miteinander am Bau Ihrer Gemeinde mit unterschiedlichen Gaben weiterschaffen!

Der Apostel bedenkt durchaus, dass seine Position sowohl die des Architekten war, was den Kontakt zu den Korinthern anbelangt. Andererseits war er selber nur ein Mitarbeiter Gottes wie andere auch. Nicht Paulus hat schließlich den Grund für die Gemeinde gelegt, sondern Gott durch seinen Heiligen Geist. Und mit Jesus Christus hat er ein solides Fundament gelegt, auf dem getrost aufgebaut werden kann. Ja:
Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Es wird nun im Folgenden darauf ankommen, wie die Gemeinde mit ihren Gaben umgeht, um segensreich am Haus Gottes, an seiner Gemeinde weiter zu arbeiten. Am Ende der Tage wird jeder daraufhin befragt und danach beurteilt werden. Die Bauleute werden aufgefordert, mit dem richtigen Material am Bau weiterzuarbeiten.

Die Prüfung im Gericht obliegt dann jedoch allein Gott. Niemand wird aufgrund seiner Taten eine Bevorzugung beanspruchen können. Aber genauso wenig muss jemand befürchten, im Gericht total unterzugehen. Vielleicht ginge es schlechten Bauleuten so, wenn andere Menschen über sie zu Gericht sitzen würden. Nicht so bei Gott. Durch Jesus Christus dürfen wir auf seine Gnade und Barmherzigkeit hoffen.

In normalen Zeiten könnte dieses Bild vom Bauen auch normal weitergeführt werden. Aber in diesen Tagen denken wir fast alle doch eher an die vielen Häuser, die in anderen Ländern dieser Erde infolge von Unwetter oder Hochwasser in den letzten Wochen eingestürzt sind oder davon immer noch bedroht sind. Oder wir denken an die kranken Menschen, die nicht mit bauen können.

Ich glaube, solch schlimme Überschwemmungen hat Bretten noch nicht, oder wenn, dann vor ganz langer Zeit erlebt. Und dennoch können wir hier wahrscheinlich recht gut nachvollziehen, was das für die betroffenen Menschen in Überschwemmungsgebieten bedeutet.
Manche Schäden sind sicher auch durch Menschen selbst verschuldet: Wenn Häuser in bekanntermaßen bedrohte Überschwemmungsgebiete gebaut wurden; wenn Flussläufe durch Begradigungen beschleunigt wurden, wenn keine Überflutungsgebiete mehr zur Verfügung stehen.

Die Erwärmung der Erdatmosphäre ruft sicher stärkere und häufigere Regenfälle hervor. Das Abholzen der Regenwälder und die Verbrennung fossiler Rohstoffe tragen wesentlich dazu bei.
Uns müsste schon längst deutlich sein, dass die Umwelt eine viel größere Beachtung verdient als bisher. Denn ihre Verschmutzung wirkt in viele andere Lebensbereiche hinein.

Diesen Monat wurde in einer theologischen Fachzeitschrift an Albert Schweitzer erinnert. Schon 1923 hat er eine Ethik unter dem Titel „Ehrfurcht vor dem Leben“ veröffentlicht. Berühmt geworden ist sein Satz „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Auch das gehört zum christlichen Hausbau dazu: Dass wir füreinander eintreten, aneinander denken und füreinander bitten. Denn die christliche Gemeinde weiß sich zusammengehörig. Und dazu gehören auch die anderen Lebewesen in Gottes guter Schöpfung.

Das Fundament Christus trägt uns, egal, wo in diesem Land und wo auf dieser Welt wir leben. Als Christenheit sind wir eine Gemeinde. Denn es ist ein und dasselbe Fundament, das uns trägt: Jesus Christus. Nutzen wir also unsere Gaben für andere, die jetzt auf uns angewiesen sind.
Amen.

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11. So. nach Trinitatis


(Den Gottesdienst hält Frau Beate Weiß/ Der Predigttext wurde von Pfarrer Weiß zur Verfügung gestellt.)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wie nennt man bei uns einen Kaffee, in dem ein Cognac mit drin ist?

Weiß es wirklich niemand, oder trauen Sie sich nicht? Dann mache ich es Ihnen ein wenig einfacher, so wie bei Jörg Pilawa:
a. Bergsteiger, b. Amerikaner, c. Tokajer, d. Pharisäer?

> Einen „Pharisäer“. Richtig! Und warum heißt der so? Das wissen Sie auch. Das soll ausdrücken, dass dieser Kaffee etwas anderes enthält, als er vorgibt. Dass er etwas anderes ist, als er zu sein scheint. Und damit bedient sich der Volksmund eines langgehegten und gängigen Vorurteiles gegenüber den Pharisäern. Und ich bin mir sicher: Auch einigen von Ihnen wird zur Beschreibung von solchen Menschen ganz schnell einfallen: „heuchlerisch“, „selbstgerecht“, bis zu „verlogen“ o.ä.

Lesen wir heute als Predigttext eine Geschichte, die aufräumt mit diesen Vorurteilen, auch wenn sie sie beim ersten, nur flüchtigen Hinsehen zu bestätigen scheint. Sie wird an die christliche Gemeinde geschrieben vom Evangelisten Lukas, 18, 9-14:
9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte, die Jesus erzählt. Und mit diesen Typen werden uns Typen unterschiedlicher Lebensentscheidungen, unterschiedlicher Lebenskonzepte, ja unterschiedlicher Frömmigkeitsstile vorgestellt. Sie sind nicht nur verschieden voneinander, sondern sie sind geradezu gegensätzlich gezeichnet, so dass die beiden Alternativen deutlich hervortreten.

Ein Pharisäer – einer, der das Gesetz Gottes liebt wie nichts anderes. Der die Tora als Weg zum gelungenen Leben kennt. Der Glaube bestimmt das ganze Leben, das Gesetz Gottes regelt alle Bereiche. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Sich an Regeln zu halten, bedeutet hier keine Einschränkung, im Gegenteil: Die Regeln definieren den Raum der Freiheit und des glücklichen Lebens. Treue zum Gesetz, also zu Gottes Weisungen, macht das Leben zur Andacht, und Freude über jedes einzelne Gebot macht das Leben zum Fest.

Ein Pharisäer – einer, der sich fernhält von denen, die faule Kompromisse machen. Nur zu verständlich, dass einer die Gesellschaft von Menschen meidet, die ihm nicht gut tun. Das ist nicht Überheblichkeit, sondern Selbstschutz. Und er weiß um die Gnade Gottes. Er ist dankbar für sein Verhältnis zu Gott. Dankbar auch für das, was ihm im Glauben und im Leben gelingt. Dankbar dafür, dass er nicht abgerutscht ist nach „ganz unten“. Wer sagt denn, dass sein Dankgebet geheuchelt ist?

Der andere, der Antityp in Jesu Geschichte, ist Zöllner von Beruf. Der berühmteste Vertreter dieses Berufsstandes ist Zachäus, von dem Sie bestimmt schon einmal gehört haben, jener kleine Mann auf dem Maulbeerfeigenbaum.
Zöllner seinerzeit waren keine Beamten. Die meisten Zöllner hatten eine kleine Zollstation von den römischen Behörden gepachtet. Sie mussten dafür eine bestimmte Summe Geldes abführen und lebten dann von dem, was sie an Gebühren über diesen Betrag hinaus noch eingenommen haben. Wen wundert’s, dass ein Zöllner diese dann so hoch wie möglich ansetzt? Wer würde es anders machen? Jeder muss sehen, wie er zurechtkommt.

Und etwas ironisch betrachtet: Wenn schon unbeliebt, dann wenigstens nicht arm sein. Und irgendwie findet man schon seine Kreise. Dass einen die Frommen verachten, was macht das schon?
Ein Zöllner – Jude wie die anderen auch. Aufgewachsen und erzogen mit den Weisungen Gottes wie die anderen auch. Mit Gott verbunden und vertraut. Aber nicht so stur wie mancher andere. Nicht so fundamentalistisch. Nicht so kompromisslos. Nicht jeder kann es sich leisten, die Zeit zu ignorieren, in der er nun mal lebt. Der Zöllner schließt Kompromisse: Mit der Welt, mit den Römern, mit dem eigenen Gewissen. Er gestaltet seine eigenen Lebensregeln flexibel. Und letztlich: Er ist ja kein Heide!

Schließlich treffen wir auf die beiden, Pharisäer und Zöllner, beim Beten im Tempel. Ob die zwei miteinander gesprochen haben, wissen wir nicht; wohl eher nicht; für uns tut das auch nicht so viel zur Sache.

Was die beiden trotz allem verbindet – ist das Beten. Sie beten zum gleichen Gott, eben zu dem Gott, zu dem auch wir beten. Der Eine betet aus Dankbarkeit, der Andere schreit förmlich nach Hilfe: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Der Eine ist überzeugt, dass er alles richtig gemacht hat; er hat gefastet und dem Tempel reichlich gespendet; der andere weiß, dass er viel falsch gemacht hat. Er ist weder mit sich, noch mit Gott und der Welt im Reinen.

Welcher der beiden Figuren fühlen Sie sich näher? Wer passt zu Ihnen? Welches ist Ihr Lebensentwurf? Wie möchten sie ihr Kind/ Ihre Kinder erziehen?

Klar, zwischen diesen beiden Polen liegt eine ganze Spannbreite. Und dennoch behaupte ich, dass beide Figuren auch in uns selbst auftauchen – mit all den Spannungen und Ambivalenzen, die das mit sich bringt.

Ähnlich wie der Pharisäer versuche ich doch auch, mein Leben nach dem Glauben auszurichten. Ich versuche, eine Linie festzulegen. Ich definiere für mich selber so etwas wie ein biblisches „Gesetz“, eine gewisse Richtschnur meines Lebens. Vielleicht bin darin nicht so konsequent wie ein Pharisäer, und doch versuche ich, Zeit, Fähigkeiten, Vermögen auszumünzen. Ich gehe im Licht des Glaubens verantwortlich damit um. Der Pharisäer benennt dafür konkrete Schritte des Verhaltens, dankt für ihr Gelingen und drückt damit zunächst einmal Hingabe, Freude und Kenntnis der selbstverständlichen Quelle des Glaubens aus. Ich verdanke mein Leben nicht mir selbst.

Freilich löckt bei all dem ein Stachel. Und eben dies drückt die andere Gestalt der Geschichte, der Zöllner, aus. Er wirft sich ganz Gott in die Arme. Er kann keine frommen Leistungen für sich geltend machen. Weil er von den Menschen nichts mehr zu erwarten hat, hofft er nun noch auf Gottes Güte und sein Verzeihen, auf Gottes Barmherzigkeit.

Der Glaube läuft offensichtlich immer wieder Gefahr, zur persönlichen Moral oder zum Dogma zu erstarren. Er läuft Gefahr, sich von der Quelle seines Entstehungsgrundes zu entfernen und zu verselbständigen. Und damit steht der Glaube selbst und mit ihm das christliche Doppelgebot der Liebe auf dem Spiel: Gott lieben und den Nächsten lieben. Beides gehört zusammen.

Jesus hält mit dieser Geschichte seinen Anhängern einen Spiegel vor. Er provoziert sie, indem er infrage stellt, was bis dahin als selbstverständlich galt: Frömmigkeit wird belohnt und Gottlosigkeit bestraft. Das Gleichnis erzählt aber gerade von der Unverfügbarkeit der Gnade Gottes. Niemand kann Gottes Erbarmen „erarbeiten“ oder gar herbeizwingen. Gerade darin liegt sein großartiges Angebot an alle Menschen! Keine Leistungen und Vorleistungen sind gefragt. Darum spenden wir das Sakrament der Taufe auch ganz kleinen Kindern.

Interessant wäre es, zu erfahren, was aus unseren beiden Protagonisten wohl nach einem Jahr geworden ist. Ob der Pharisäer an der Erfüllung der Weisungen festhält und sich nicht frustriert vom Glauben abgewendet hat und dies in dem Bewusstsein, dass er damit Gott zu nichts zwingen kann? Ob der Zöllner sein Leben geändert hat, auch wenn ihm dadurch fortan manche materielle Annehmlichkeit versagt geblieben ist?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie von beiden Figuren das Positive, Gottgefällige aufnehmen können: Die Freude am Gebet, sich an Gottes Weisungen halten, ohne dabei zu erstarren oder zu verbiestern, Demut und Bescheidenheit zur rechten Zeit und am rechten Ort, und sich ganz in Gottes Arme werfen können und jederzeit auf seine Güte hoffen. Gott und den Menschen zum Wohlgefallen.
Amen.

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10. So. nach Trinitatis


(Predigt von Dr. Rupp)

Predigttext (Röm 11, 25 – 32)
25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Gedanken zum Predigttext von Dr. Hartmut Rupp

Wir stecken in einer Krise und wissen nicht so recht, wie es weitergeht. Das Ansteckungsrisiko ist noch da und scheint wieder zuzunehmen. Die wirtschaftlichen Probleme werden uns noch arg zu schaffen machen. Dazu kommen soziale Probleme mit Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern. Mir bleibt der manchmal einfach der Mund offen.

Was uns als Christinnen und Christen zu schaffen macht, ist der neue alte Antisemitismus. Nicht nur Bill Gates zieht da die Fäden, sondern gerade auch Juden. Sie werden wieder mal als Drahtzieher und Verschwörer bezeichnet. Da ist der Schritt zum Anschlag wie in Halle nicht mehr weit.

Wir Christen haben allen Grund Einspruch zu erheben. Zum einen, weil wir an diesem Antisemitismus nicht unschuldig sind. Und wenn es nur darin besteht, dass wir im Dritten Reich zu sehr geschwiegen haben. Einspruch müssen wir aber auch erheben, weil wir Geschwister sind. Geschwister im Glauben. Juden und Christen gehören zusammen. Das sagt hier ausdrücklich und klar der Jude Paulus und entwickelt dazu eine etwas komplizierte Sicht. Denn er sagt: Ja das stimmt. Die Vertreter des jüdischen Glaubens lehnen das Evangelium von Jesus Christus ab. Sie können in ihm wohl den Juden, sogar einen Propheten sehen, aber nicht den Messias. Das können und wollen sie nicht glauben. Aber daraus zu schließen, Gott habe das jüdische Volk verstoßen, das geht nicht. Im Gegenteil: Das jüdische Volk ist und bleibt erwählt. Sie gehören für alle Zeit zu Gott. Natürlich waren und sind sie ungehorsam, aber sind wir Christen nicht auch ungehorsam? Denken wir nur an unsere Geschichte mit dem Antisemitismus. Miteinander leben wir von der Barmherzigkeit Gottes. Ohne die müssen wir aufgeben. Juden – so sagt es Paulus – sind Geliebte Gottes. Und das verbindet uns. Beide leben wir aus der Barmherzigkeit Gottes. Das macht uns zu Geschwistern im Glauben und Geschwister die – das wissen ja alle – sich nie ganz einig sind.

Wie sehr wir zusammengehören, Juden und Christen, zeigt unser Gottesdienst. Wir beten mit Psalmen aus dem Alten Testament. Der Psalter ist das Gebetbuch Israels – und das Gebetbuch von Jesus. Wir rufen das Halleluja (Lobet Gott) und benutzen dazu die hebräische Sprache. Die zehn Gebote und das Doppelgebot der Liebe sie stammen aus den Büchern Mose. Der Schlusssegen ist der Segen Aarons, des Bruders von Mose. Jesus ist als Jude geboren, und als Jude gestorben. Er war beschnitten und ging regelmäßig in die Synagoge.

Letzten Sonntag habe ich von der Berufung des Propheten Jeremias gepredigt. Er ist und bleibt wie Jesaia, Amos und die anderen ein Leitbild christlichen Glaubens. So wie auch Abraham, Joseph, Jakob selbst wie David.

Dass Gott eine Schwäche für die Armen hat, zeigt sich schon am Auszug aus Ägypten und in der Rettung des kleinen Volkes Israel. Beide – Juden und Christen – warten wir darauf, dass einmal Gott alles in allem sein wird: Deshalb teilen wir auch die Hoffnung auf Frieden, auf Gerechtigkeit und eine Schöpfung.

Merken Sie es? Wir sind nicht eins, doch wir gehören zusammen. So wie Geschwister zusammengehören. Sie sind unter unwiederbringlich miteinander verbunden, haben aber durchaus verschiedene Ansichten.

Schon um uns selber willen, können wir nicht wegsehen, wenn hierzulande Jüdinnen und Juden diffamiert, bedroht und angegriffen werden. Damit wird zugleich bedroht und angegriffen, was uns zu Christen macht Paulus will in diesem Kapitel des Römerbriefs ein Geheimnis lüften. Hoffentlich haben wir das kapiert und gehen nicht als Geheimniskrämer nach Hause. Wir sollten leben und zu verstehen geben: Juden und Christen sind Geschwister.

Amen

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9. So. nach Trinitatis


(Predigttext von Pfr. Weiß / vorgetragen von Tilmann Herbolsheimer und Andreas Müller)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der heutige Predigttext handelt von einer Person aus dem Ersten Testament unserer Bibel. Es geht um einen Mann, der solange wirkte, dass zu seinen Lebzeiten fünf Könige nacheinander in Jerusalem regierten. Sein Vater war Priester in Anatot, ein paar Kilometer nördlich von Jerusalem. Er selbst hatte nicht geheiratet und blieb zu seinem Leidwesen darum auch kinderlos. Überhaupt war er ein Mensch, der aus seinem Herzen keine Mördergrube machte und daher auch über seine Gefühle sprach. Zu manchen Zeiten machten ihm Gottes Aufträge ganz ordentlich zu schaffen. Und er konnte mit seinem Volk regelrecht mitleiden, wenn er ihm Gottes Strafe anzukündigen hatte.

Sein Amt und seine Person standen häufig in Spannung zueinander. Wer ihn einmal privat kennen gelernt hatte, hätte ihm sicher vieles von dem gar nicht zugetraut, was er dann in der Öffentlichkeit von sich gegeben hatte. Denn da sparte er ganz und gar nicht mit Kritik an der Untreue des Volkes gegen seinen Gott. Ja, drakonische Strafen hat er deshalb sogar angekündigt. Wer ihn dabei auf den Straßen Jerusalems nicht selbst erlebt hat, wusste spätestens von ihm, seit er im Tempel eine flammende Rede gehalten hatte, die in dem Satz gipfelte: „Bessert euer Leben und eurer Tun, so will ich bei euch wohnen, spricht der Herr Zebaoth.“ Ja, auch an anderer Stelle hat er sich vor öffentlichen Auseinandersetzungen zum Beispiel mit dem Oberpriester Chananja nicht gescheut. Das brachte ihm sogar eine Anklage wegen Landesverrates ein. Und nur knapp ist er mit dem Leben davon gekommen.
Er war auf der einen Seite ein ausgezeichneter Theoretiker, wenn es um Gedanken über sein Amt und das Verhältnis zu Gottes Wort ging. Und er scheute auf der anderen Seite nicht vor gewaltfreien Aktionen zurück, um sein Anliegen deutlich zu machen. Einmal legte er sich ein Ochsenjoch über die Schultern und zog damit durch Jerusalems Straßen. Das Volk sollte endlich einsehen, dass ein Leben unter fremder Herrschaft besser ist als ein sinnloser Krieg mit vielen Toten.
An eine Volksgruppe im Exil schreibt er einen berühmt gewordenen Brief und macht ihnen Mut zum Leben. Ach ja, richtig, beinahe hätte ich vergessen: Von Beruf war er Prophet. Aber das haben sie sicher längst gemerkt. Und seinen Namen kennen sie bestimmt auch, oder?! …

Wie dieser Jeremia zu seiner Berufung gelangte, und was es mit dem Prophet- Sein auf sich hat, mit diesen Worten, die uns heute noch genauso gelten wie den Menschen seiner Zeit, das möchte uns die Geschichte von Jeremias Berufung verdeutlichen:

Textlesung Jeremia 1, 4-10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Zum ersten Mal bin ich während meines Gemeindepraktikums in der DDR mit diesem Text in Verbindung gekommen. Er bildete die Klammer, also das übergreifende Thema bei einer ‚Konfirmandenrüstzeit‘, wie das seinerzeit hieß. Jugendliche aus verschiedenen Gemeinden des Kirchenbezirks waren eine Woche beieinander, um sich für das Leben als Christin oder Christ in ihrer Gemeinde zurüsten zu lassen. Daher der Name ‚Rüstzeit‘.
Es war richtig spannend, miteinander Talente zu entdecken und zu entwickeln, die bis dahin verborgen geblieben waren: Beim Theaterspielen von biblischen Texten, beim Besuchen älterer Gemeindeglieder, beim gemeinsamen Einkaufen und Kochen, beim Gestalten von Andachten und einem Gottesdienst zum Abschluss der Woche und anderes mehr. Neue Freundschaften sind entstanden. Und letztlich haben alle gemerkt: Ich bin nicht allein. Und ich kann Dinge, die mir andere gar nicht zugetraut habe, ich selber auch nicht.

Eine biblische Überlieferung, eine biblische Person sind da mitten hinein in das Leben dieser kleinen Gruppe gerutscht und haben Ungeahntes zum Vorschein gebracht.

So soll es ja auch sein! Denn die Gegenwart steht für einen biblischen Propheten eindeutig im Mittelpunkt des Interesses, das Leben der Menschen und ihre Beziehung zu Gott. Darum können wir die Aufgabe eines Propheten auch ganz knapp so beschreiben und sagen: Er gibt Gottes Willen an das Volk weiter, an die Gläubigen, die Gemeinde. Er ist sozusagen ein Sprachrohr Gottes, eine Art Briefträger, ein Server für Gottes IT- Beiträge.

Jeremia wusste sehr genau, was ein Profet zu tun hat. Und ebenso genau schien er zu wissen: „Ich doch nicht; mit mir nicht; such’ dir einen anderen. Ich bin zu jung und tauge nicht für diese Aufgabe.“ Er hatte keinen Bock auf Prophet und das sagte er Gott auch sehr deutlich.

Wahrscheinlich konnte er sich aufgrund der Erlebnisse anderer Propheten vor ihm recht gut vorstellen, was da auf ihn zukommen würde. Und genau das, all die Unannehmlichkeiten, die Auseinandersetzungen, die Schmähungen, nein, das musste ja nicht unbedingt sein. Und schließlich hatte er in den Überlieferungen der Väter gehört, dass Mose sich zunächst ja auch geweigert hatte. Warum sollte er es nicht auch damit versuchen.

Sicher, diese Geschichte von seiner Berufung ist dem Jeremia bestimmt in seinem Leben auch persönlich hilfreich gewesen. Konnte er sich doch dadurch darauf berufen, dass er nicht aus eigenen Gnaden und selbst ernannter Herrlichkeit redet. Gott hat ihn beauftragt, und dadurch ist sein Auftreten legitimiert.

Aber Gott hat eben nicht nur Einzelne erwählt, sondern ein ganzes Volk, das Volk Israel. Und seinen Propheten kommt immer die Aufgabe zu, dieses Volk wieder auf den richtigen Weg zu weisen und ihm von Gottes Liebe und Treue zu berichten; von seiner Gnade und seinem Angebot; von seiner Hilfe in schwierigen Zeiten; und von seinem Willen zum Neuanfang. Sie übermitteln seine Botschaft und führen dadurch Gott und sein Volk wieder zusammen.

Die Auseinandersetzung um die Berufung ist also nicht nur eine persönliche Frage dieses Burschen namens Jeremia. Es geht nicht um Lust oder Unlust eines mehr oder weniger unbedarften Knaben vom Lande. Zumal manche Ausleger damit rechnen, dass er zu dieser Zeit die 40 bereits erreicht haben könnte.

Sondern im ganzen Buch, das von diesem Jeremia berichtet, geht es darum, wie die Erwählten mit dieser Bestimmung von Gott umgehen und sich entsprechend in ihrem Leben verhalten. Sein Beispiel steht für das ganze Volk Gottes. Und was beim ersten Zuhören wie eine Diskussion mit offenem Ausgang klingt, ist nun gar nicht mehr so verwunderlich. Es ist keine Rede mehr davon, dass Jeremia einen weiteren Versuch gestartet hätte, sich Gott zu entziehen. Er nimmt den Auftrag an. Ein kurzes Streitgespräch hat einen positiven Ausgang gefunden.

Gott hat darin nicht versprochen, dass es immer leicht sein wird. Aber er hat seine Hilfe zugesagt. Wen er ausschickt, den wird er nicht so einfach einem „blindwütigen Schicksal“ überlassen. „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr“ Das gilt dem Jeremia und das gilt dem Volk Gottes. Und beide haben in ihrem Leben und ihrer Geschichte erfahren dürfen, dass diese Zusage Gottes nicht einfach nur so dahergesagt ist. Auf Gott Verlass, seine Zusage gilt, auch wenn die äußeren Umstände nicht so aussehen. Die Geschichte des Profeten und die Geschichte des Volkes sind sich darin gleich. Gott hält zu ihnen, auch in Todesgefahr, auch heute noch.

Wenn es im ersten Testament um das Volk Gottes geht, ist natürlich von Israel und der Judenheit die Rede. Bedeutet dies dann etwa, dass diese Geschichte nichts mit uns zu tun hätte? Dass wir sie sozusagen zu den Akten legen können?

„Das sei ferne!“ würde Paulus antworten. Ja, er zählt im 1. Korintherbrief unter den Geistesgaben in der Gemeinde nicht nur Propheten eigens auf. Er geht weit darüber hinaus. Während die Erwählung Israels vor Gott seine bleibende Bedeutung behält, spricht er nämlich auch von einem neuen Bund, einer neuen Erwählung, die Gott getroffen hat: Die, die auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft sind, wir sind angesprochen.

Das Erste Testament gehört zu unserer Heiligen Schrift nicht etwa deshalb dazu, weil es so nette Geschichten und Anekdoten enthält. Es ist für uns deshalb so wichtig, weil wir sonst oft gar nicht wüssten, wovon Jesus Christus uns erzählt, wer sein Vater ist, der ihn zu den Menschen geschickt hat. Ohne die alttestamentliche Wurzel könnten wir Teile des NT überhaupt nicht verstehen. Und es gibt kein anderes Buch des Ersten Testamentes, aus dem soviel zitiert wird, wie gerade vom Propheten Jeremia.

Von ihm können wir erfahren von Gottes Treue, von seiner Hilfe, von seiner Begleitung im Leben. Gott lässt die Menschen nicht im Stich. Er hat nämlich noch einiges mit ihnen vor, auch wenn sie das manchmal aus den Augen verlieren.

Vielleicht sollte ich im Februar diese Geschichte auch als Thema für die Konfirmandenunterrichtswoche nehmen!?

Denn der Glaube des einzelnen spielt eine Rolle und ebenso das Zusammenleben als Gemeinschaft der Gläubigen, die wir ja schließlich auch in unserem Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringen.

Jeremia ist also nicht nur eine interessante Einzelfigur. Sondern an seinem
Beispiel können wir sehen, wie Gottes Gnade und seine Hilfe uns in der Gegenwart bestehen lassen. Und wie sein Zuspruch auf eine Zukunft hoffen lässt, in der ein einziges Gottesvolk in Frieden und Gerechtigkeit leben wird.

Amen.

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8. So. nach Trinitatis


(Die Predigt von Pfr. i. R. Nasarek steht uns nicht zur Verfügung.
Statt desse Predigt von © Udo Schmitt 2013, überarbeitet von Pfr. Rolf Weiß, 2020)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Ich glaube nur was ich sehe – oder besser doch nicht.
Es geht hier um eine Grundidee, die der griechische Philosoph Platon schon in seinem berühmten Höhlengleichnis entwickelt hatte. Die meisten von uns gleichen demnach einem Menschen, der gefesselt in einer Höhle liegt und nur die Schatten an der Wand sehen kann, aber nicht den Ausgang, nicht den Himmel und nicht die Lichtquelle selbst. Was er sieht, sind nicht die Dinge, wie sie sind, sondern nur ihr Schatten, wenn sie hinter ihm vorbei getragen werden. Weil er es nicht besser weiß und auch nicht anders kennt, hält er diese Schattenbilder eben für das, was sie nicht sind – nämlich die Wahrheit.

2. Und nichts als die Wahrheit
Im Johannesevangelium geht es im 9. Kapitel um eine Blindenheilung. Aber das ist nur vordergründig so. Blindenheilungen werden ja viele erzählt in den Evangelien. Aber Johannes interessiert sich nicht dafür. Er will den vielen Heilungsgeschichten nicht noch eine weitere hinzufügen. Ihm geht es nicht um Wunder. Ihm geht es um die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit. Es geht um die Frage: Ist Jesus der Christus? Und glaubst du an ihn? Oder nicht. Und Jesus selbst wird von sich sagen: „Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden“ (9, 39). Dies wird am Ende des Kapitels stehen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Zunächst einmal – und das ist schon bemerkenswert – geht Jesus vorüber. Und sieht. Den Blinden. Im Vorübergehen quasi. Seine Ausrichtung ist eine andere, er hat ein Ziel vor Augen. Und dennoch ist er achtsam und hat einen Blick für die Ausgegrenzten, die am Rande stehen. Und: Die Initiative geht hier von Jesus aus, nicht vom Blinden. Anders etwa als der Blinde Bartimäus in Jericho (Markus 10, 46 – 52), schreit dieser Blinde hier in Jerusalem nicht Jesus herbei, damit der ihm helfe. Und Jesus wird am Schluss auch nicht zu ihm sagen: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Dieser Blinde glaubt noch nicht. Noch nicht. Erst am Ende des Kapitels wird er sich zu Jesus bekennen und sagen: „Herr, ich glaube“ (Johannes 9, 38).

3. Schuldzuweisungen – helfen nicht
Der Weg dahin, der Weg zu dieser Wahrheit, ist mit falschen Fragen und falschen Vorwürfen gepflastert. Den Anfang machen ausgerechnet die Jünger, die aber ansonsten hier keine Rolle spielen; keine andere jedenfalls als eben nur die eine, ihrem Meister ein Stichwort zu geben: Sünde. „Wer hat gesündigt, dass dieser blind geboren ist? Er selbst oder seine Eltern?“ Die Jünger dachten vielleicht an eine interessante theologische Diskussion. Steht nicht bei Mose, dass Gott „die Missetat der Väter“ heimsuchen will „bis ins dritte und vierte Glied“ (2. Mose 20, 5)? Steht nicht andererseits bei den Propheten: „der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters“ (Ezechiel 18, 20)? Dass das Kind selbst im Mutterleib gesündigt hat, davon gehen die Jünger nicht ernsthaft aus. Und doch stellen sie die Frage: Warum? Wo kommt es her, dass jemand krank ist, behindert, vermindert an Geist und an Tagen? Sind seine Eltern schuld?

Damals dachte man, dass es ja irgendwoher kommen muss. Man dachte in den Kategorien von Ursache und Wirkung, Schuld und Sühne. Wo Rauch ist, da muss auch Feuer sein. „Wo Tod ist, da ist Sünde, und wo Leiden ist, da ist Schuld“ (Rabbi Ammi, vgl. Babylonischer Talmud, Schabbat 55a.). Heute sehen wir das anders, sind aufgeklärt, naturwissenschaftlich und so, obwohl… Vielleicht verstehen wir unter Sünde heute einfach etwas anderes. Manche Menschen sprechen vom „sündigen“ und meinen damit Eis, Konfekt und kalorienreiches Essen. Und wenn jemand früh stirbt, begegnet einem auch schon mal der Satz: „War ja klar! Hat ja auch viel gesoffen und geraucht. Hat sich nie geschont. Selbst schuld!“ – Schuld und Scham. Auch Menschen mit Behinderung, ihre Eltern und Angehörigen erleben, durchleiden das bis heute: Schuldgefühle und Beschämung.

Vielleicht sind wir ja doch noch nicht so weit. Mit dem Leiden umzugehen. Jedenfalls nicht so weit, wie wir meinen. Leider. Aber Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter. Und das war auch damals schon so. Weder der Blinde hat gesündigt noch haben es seine Eltern.

4. Die Werke Gottes – vollbringen
Weder der Blinde hat gesündigt noch haben es seine Eltern, sagt Jesus: „sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Jesus ist es, der die Werke Gottes vollbringt. Er ist in die Welt gekommen, um eben dies zu bewirken: Die Vergebung der Sünden und das ewige Leben. „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen“ (Johannes 5, 24). Und darum geht es hier. Dazu ist Jesus gesandt. Bei Markus (2, 1 – 12) findet sich eine ganz ähnliche Geschichte, bei der ein Gelähmter zu Jesus gebracht wird; doch statt ihn zu heilen, sagt er zu ihm: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Und als sie ihm nicht glauben, dass er die Vollmacht hat, dies zu tun, heilt er ihn dann doch noch, den Gelähmten.

Auch hier bei Johannes geht es nicht um Heilung, sondern um die Vollmacht Jesu. Um einen Menschen zu heilen, der von Geburt an blind ist, von Mutterleib und Kindesbeinen an, da braucht es mehr als nur ein kleines Wunder. Es bedarf eines völligen Neuanfangs. Und dazu braucht man göttliche Vollmacht. Hat Jesus die? O, ja. – Keine Frage. Schon gar nicht im Johannesevangelium.

5. Das Licht – begreifen
Denn Jesus und der Vater sind eins (10, 30). Jesus ist das Licht, das in die Welt gekommen ist (1, 4 – 9). Und er sagt es von sich selbst: Ich bin das Licht der Welt (8, 12). Doch die Zeit drängt. Noch eine kleine Zeit ist das Licht bei euch, warnt er seine Jünger: „Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle“ (12, 35). Noch eine kleine Zeit, dann wird es Nacht. – Wann wird das sein? Als Judas den Abendmahlssaal verlässt, heißt es knapp: „Und es war Nacht“ (13, 30). Und Jesus sagt dazu: Jetzt ist es soweit (13, 31). Die Mächte der Dunkelheit greifen nach dem Licht. Sie haben ihn nie begriffen. „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, heißt es gleich zu Beginn (1, 5). Sie sind blind. Blind vor Hass, gefangen in ihrer eigenen Verblendung. Sie begreifen ihn nicht. Stattdessen werden sie ihn ergreifen und töten.

Doch vergebens. Sie erreichen nur das Gegenteil. Das Licht und die Liebe werden sich nur noch mehr ausbreiten. Durch alle, die an ihn glauben (14, 12). „Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (8, 12).

6. Ein altes Gebot – gebrochen
Einer aber tappt erst mal noch im Dustern. Nämlich der Blinde. Nachdem Jesus die Jünger noch einmal daran erinnert hat, dass er das Licht der Welt ist und dass die Zeit knapp ist, spuckt er auf die Erde und formt daraus eine Art Matschebrei oder Heilschlamm und legt es dem Blinden auf die Augen. Daran ist zweierlei bedeutsam: Zum einen wird man ihm dieses Handeln später vorwerfen. Denn das Kneten eines Teigs oder das Anrühren eines Breis ist am Sabbat verboten (selbst wenn es der Heilung dient, vgl. Strack-Billerbeck, Bd. II, S. 530, 534: Heilungen am Sabbat sind nur bei akuten und gefährlichen Erkrankungen erlaubt, aber nicht bei chronischen Leiden). Man wird versuchen, ihm daraus einen Strick zu drehen, dass er gegen die Gebote verstoßen hat, als er so handelte. Zum anderen wundert man sich ein wenig über die Methode: Speichel mag ja noch als Heilmittel durchgehen (Markus 7, 33; 8, 23), aber Erde? Staub und Dreck? Und wieso einem blinden die Augen bedecken? Er kann ja nicht noch blinder werden.

7. Eine neue Schöpfung – versprochen!
Ich denke, dass es symbolisch zu verstehen ist. Was Jesus da tut, spielt auf die Schöpfung und die Erschaffung Adams an: Aus feuchter Erde wurde der erste Mensch geformt, Gott blies ihm den Hauch des Lebens ein (1. Mose 2, 6 + 7). Von der Erde bist du genommen, Mensch, zur Erde sollst du wieder werden (3, 19). Jesus nimmt noch einmal einen Klumpen Erde in die Hand, streicht ihm davon auf die Augen. Und was Jesus an dem Blinden vollbringt, wie er ihn verändert, das entspricht einer völligen Neuschöpfung. Und dazu passt auch der nächste Schritt, die Aufforderung, sich im Teich Siloah zu waschen. Das erinnert zwar manche daran, wie Elia dem Naeman befiehlt, sich im Jordan zu waschen, um rein zu werden (2. Könige 5, 10). Doch hier geht es wieder nur vordergründig um Reinigung.

Johannes hat mehr als das im Sinn und er erklärt das Wortspiel selbst: Siloah kann man (mit etwas gutem Willen) als „der Gesendete“ verstehen, und es also auf Jesus hin deuten. Denn er ist der von Gott gesandte Messias, der Christus. Ganz klar: Das „Bad des Gesendeten“ spielt auf die Taufe an. Der Blinde erfährt durch Jesus einen neuen Anfang, der ihn noch einmal ganz von vorne beginnen lässt. So wie es auch Paulus sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5, 17).

Der Blinde kommt sehend wieder. Er ist der neue Mensch. Die Nachbarn können es kaum fassen. Die Missgünstigen wollen es nicht glauben, können es nicht begreifen, so viel sie auch fragen. Sie sind blind, gefangen in ihrer Verblendung. An Jesus scheiden sich die Geister. Die Blinden werden sehend und die Sehenden werden blind.

8. Die Blinden, die Sehenden und der Eine
Die Blinden werden sehend und die Sehenden werden blind. Das ist bis heute so. Es gibt Menschen die sagen: Ich glaube nur, was ich sehe. Aber sehen sie? Sie starren ja meistens nur auf ihre Bildschirme. Und halten das für die Wahrheit. Sie sind gefesselt. Nicht in einer Höhle, nein. Und doch sind sie gefesselt. In ihrer Aufmerksamkeit. In ihrer Bewegung. In ihrer Freiheit. Und selbst wenn sie sich bewegen, bleiben sie bei sich. Egal ob an der Bushaltestelle oder am Bahnhof oder in einer Sitzung, sie starren nur noch auf ihre Smartphones. Das Ding in ihrer Hand. Sehen nicht den Menschen an ihrer Seite. Sie sind nicht achtsam mit sich und mit anderen. Gehen achtlos vorüber. Sie meinen es ja nicht böse, sie sind nur sehr beschäftigt, müssen nur noch eben schnell hundertachtunddreißig Mails checken. Sie sehen – sie sehen nichts.

Aber vielleicht ist unter den vielen Blinden auch einer, der neu ist. Wer weiß? Vielleicht bist du ja es? Ein Mensch, der jeden Tag neu sieht, neu erlebt. Der jeden Tag neu anfängt und aus der Taufe her lebt? Der mit Jesus lebt. Die Welt mit seinen Augen sieht – seine Wege geht. Wie auch immer. Mögest du auf deinen Wegen Menschen begegnen, die so sind. Achtsam. Sehend. Und nicht immer nur mit sich selbst beschäftigt. Mögest du mit ihnen und durch sie ihm begegnen, dem Einen. Der alle Menschen sieht. Auch die Unsichtbaren, die Unauffälligen, Randständigen. Auch dich.
Amen.

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7. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Prädikant Christian Buhr

Predigt über Hebräer 13, 1 – 3
Diedelsheim und Dürrenbüchig – 26.07.20 – 7. Sonntag nach Trinitatis

Worte sind noch keine Taten.
Haben Sie schon einmal ein „Ich liebe Dich“ ernst genommen, dem nicht die
entsprechenden Taten folgen? Das gilt nicht nur in einer Freundschaft und Ehe. Das gilt auch im Alltag, in den Begegnungen mit unseren Nachbarn und Mitmenschen. In unserem Predigttext heute geht es um tatkräftige Liebe. Ich lese aus dem Brief an die Hebräer im 13. Kapitel:
1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Der gesamte Text handelt von der Liebe:
• Der Liebe zu Bruder und Schwester im Glauben.
• Der Liebe zu Fremden.
• Der Liebe zu Gefangenen.
• Der Liebe zu Misshandelten oder Leidenden.

Ein ganzer Text nur zur Liebe. Und ein ganzer Text, der von Taten handelt.
Wie sonst sollte sich die Liebe äußern, um die es in den Versen geht? Worte helfen den Glaubensgeschwistern nicht, wenn sie Geld, Essen oder Kleidung benötigen. Worte helfen einem Fremden nicht, der eine Unterkunft für die Nacht und eine warme Mahlzeit braucht. Worte helfen einem Gefangenen nicht, wenn es nur bei Worten bleibt und wir ihn nicht wenigstens besuchen. Worte helfen einem Leidenden nicht, wenn seine Verletzungen
und Wunden behandelt werden müssen.
Der Text enthält Handlungsanweisungen für uns Christen. Ich beschränke mich heute auf die ersten beiden Verse.

Zuerst geht es um unsere Gemeinschaft. Wir gehören in der Gemeinde als Brüder und Schwestern zusammen. Auch wenn ich mir diejenige oder denjenigen nicht freiwillig ausgesucht habe, der auf dem Platz rechts oder links sitzt, so gehören wir doch zu einer Familie. Wir sind die Familie Gottes, zusammengehalten durch den Glauben an Jesus Christus. Im Römerbrief beschreibt Paulus die Gemeinde als Leib, als einen Körper. Geht
es einem Teil des Körpers schlecht, dann leidet der ganze Körper. Das wissen wir, wenn wir selbst eine Verletzung haben, oder Migräne, oder Bauchschmerzen. Dann können wir an nichts anderes denken. Als Gemeinde sind wir aufgefordert, uns gegenseitig zu helfen, damit es dem ganzen Körper gut geht. Worte können eine Hilfe sein, Gespräche tun gut. Ist das alles? Wie wäre es mit gegenseitigen Besuchen? Tatkräftiger, handwerklicher Hilfe in Haus und Garten? Unterstützung beim Einkaufen? In Zeiten der Corona-Pandemie ist das aufwändiger, aber dennoch machbar. Jeder von uns hat eigene Fähigkeiten, die er für andere einsetzen kann. Vielleicht ist das jetzt in dieser Zeit noch notwendiger .

Man kann unsere Gemeinde als eine Gemeinschaft der bekannten Fremden bezeichnen, weil wir uns nicht mehr ganz unbekannt sind. Ein Gast ist dann ein unbekannter Fremder. In Vers 2 heißt es, wir sollen gastfrei sein, unsere Wohnung oder Haus für andere öffnen. Gastfreundschaft heißt, den Fremden herein zu bitten, ihm etwas zu Trinken und zu Essen anbieten und vielleicht eine Schlafmöglichkeit. Wer auf der Durchreise ist, nur kurz da ist, erwartet weder eine blitzblank aufgeräumte Wohnung noch ein 3-Gänge-Menü. Wer den Gast in seine Hausgemeinschaft aufnimmt und mit ihm teilt, was er selbst isst und trinkt, der tut das Notwendige. Verbunden mit der Zeit, die ich dem Gast schenke und mich mit ihm unterhalte, ist das schon tatkräftige Liebe.

Die Gastfreundschaft hatte zu Zeiten unseres Textes noch eine größere Bedeutung als heute. Christen aus verschiedenen Gemeinden haben sich gegenseitig besucht, um sich im Glauben zu stärken. Manche Christen waren beruflich unterwegs. Andere waren aus einem Sklavenverhältnis frei gekommen und auf dem Weg in ihre Heimat. Aus verschiedenen
Gründen waren sie Fremde und auf Gastfreundschaft, eine Unterkunft, etwas zu essen und zu trinken angewiesen. Gastfreundschaft heißt, einen Fremden aufzunehmen. Jede Begegnung ist interessant und kann mich selbst bereichern. Jeder Mensch bringt sich selbst und sein Leben mit, das unglaublich spannend sein kann, wenn ich mich auf das Zuhören einlasse.

Vielleicht haben sie es noch im Ohr. Im Text gibt es den Hinweis, dass mancher, ohne eigenes Wissen, dabei Engel beherbergt hat. Ist denn jeder Gast ein Engel? Ich kann doch dem Fremden nur vor den Kopf gucken, nicht in seinen Kopf hinein. Wenn er mich nun bedroht oder sogar ausraubt? Wenn ich Nachrichten lese oder höre sind das alles berechtigte Ängste. Gott fordert uns dennoch auf, gastfrei zu sein. Vielleicht hilft es, wenn wir nicht alleine zu Hause sind, wenn wir Fremde bewirten oder beherbergen. Und wir dürfen Gott immer um Hilfe und Beistand bitten, er hält seine Hand über uns.
Worte sind noch keine Taten.
Wenn sich meine Liebe zum Nächsten nicht in Taten äußert, stellt sich die Frage, ob ich überhaupt Liebe zum Nächsten habe. Unser Text liefert Ideen, wir wir unseren Glauben in die Tat umsetzen.
Zum Abschluss gebe ich Ihnen einen Satz mit auf den Weg, der mich schon lange begleitet:
„Das ist der Gastfreundschaft tiefster Sinn, einander Ruhe zu geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.“ (von Romano Guardini)
Amen.

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6. So. nach Trinitatis


Den Gottesdienst hält Prädikant Volker Geisel

Predigt über 5. Mose 7, 6-12
Diedelsheim und Dürrenbüchig – 19.07.20 – 6. Sonntag nach Trinitatis
Prädikant Volker Geisel

Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Predigttext führt uns in die frühe Zeit der Geschichte des Volkes Israel. Vierzig Jahre sind die Israeliten unterwegs – mit Mose an ihrer Spitze. Vierzig Jahre lang sind sie durch die Wüste geirrt, nachdem sie Unterdrückung und Verfolgung in Ägypten hinter sich gelassen hatten.

Von der ersten Generation der Geflüchteten waren nicht mehr viele am Leben. Einige zweifelten am Sinn des Exodus. Groß war die Sehnsucht, endlich anzukommen – nun, da sie im Ostjordanland lagerten.

In dieser Situation hält Mose eine große Rede – seine letzte. Kurz darauf wird er sterben. Er selbst wird nicht in das Gelobte Land mit einziehen. Aber er macht dem kleinen Volk der Israeliten Mut. Und er erinnert sie an den Bund Gottes mit ihnen, an Gottes Liebe und an seine Gebote.

Einen Ausschnitt aus dieser Rede hören wir heute als Predigttext. Er steht im 5. Buch Mose im 7. Kapitel:

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Liebe Gemeinde, in diesen Worten ist von „Erwählung“ die Rede. Dieser Begriff kann Anlass zu großen Missverständnissen und Auseinandersetzungen geben:

  • Für den Glauben des Volkes Israel und für unseren christlichen Glauben spielt er eine große Rolle. Es scheint uns unvorstellbar, daran zu rütteln oder gar die Vorstellung aufzugeben, Gottes geliebtes und erwähltes Volk zu sein.
  • Zugleich kann er aber auch missverstanden und missbraucht werden, um andere Religionen und ihre Anhänger abzuwerten oder gar Intoleranz, Hass und Gewalt zu legitimieren.

Um unseren Predigttext mit seiner Rede von der Erwählung zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte des Volkes Israel hilfreich. Denn dieser Text erzählt ja nicht einfach nur nett und freundlich von Gottes Vorliebe für die Kleinen und Schwachen.

Sondern der Text und die Verse vorher und nachher erzählen auch vom Töten, Hassen und Vergelten. Das soll nicht verschwiegen werden. Diese Bibelworte sind eingebettet in mehrere Aufforderungen, vermeintlich Ungläubige zu vertreiben.

Die Israeliten sollen sich nicht mit ihnen vermischen, heißt es da. Keine Toleranz, keine Achtung vor den anderen. Kein Appell zum friedlichen Zusammenleben. Sieben Völker soll das kleine Israel ausrotten, komplett. Alle Menschen dort sollen sie töten. Und das im Namen Gottes.

Da stellen sich uns vielleicht die Nackenhaare. Solche Aufrufe zur Gewalt bestätigen auf den ersten Blick wohl auch die Vorurteile, die manche Menschen gegen die Bibel und gegen Religionen insgesamt haben. Fanatiker aller Religionen berufen sich auf Sätze wie diese, ohne auf deren Zusammenhang oder Hintergrund zu achten.

Interessant ist aber: Als dieser Text entstand, also das 5. Buch Mose, da hat es diese sieben Völker schon lange nicht mehr gegeben. Da lässt es sich natürlich ungeniert prahlen mit einer angeblichen Niederwerfung der Völker, die Israel daran hindern wollten, in das gelobte Land einzuziehen. Da wurde die Geschichte gewissermaßen vom Ergebnis her gedeutet.

Israel hatte schon in früher Zeit Probleme mit seinen Nachbarn. In der Entstehungszeit unseres Predigttextes war das im Norden und Osten das riesige Assyrische Reich. Und im Westen gab es das ägyptische Pharaonenreich am Nil.

Dazwischen lag das winzige Israel. Das war immer mal verschieden klein, je nachdem wie viel Land von den Nachbarn gerade besetzt war und ob sich die einzelnen Teile Israels gerade mal einig waren oder nicht. Ein kleines Volk, meistens kaum größer als Hessen. Zu ihm sagt Mose: Du bist heilig. Du bist erwählt.

Das hören die Kleinen natürlich gern. Wir sind klein, aber erwählt. Klein, aber Oho! Mit Gott an der Seite, dem Herrscher des Himmels und der Erde. Da kann man den großen, bösen Nachbarn den Garaus machen. Oder zumindest kann man es sich in den Phantasien ausmalen.

Denn geschafft hat es das Volk der Israeliten nie, sich dauerhaft gegen die Nachbarn zu behaupten. Im Gegenteil. Es wurde mehrmals überfallen und deportiert. Es war immer ein Spielball der Mächtigen. Niemals hat es die Großen besiegt.

Die haben sich allerdings immer wieder einmal gegenseitig bekämpft. Die Assyrer haben Teile von Ägypten erobert. Und im Jahr 612 vor Christus ist das Assyrische Reich selbst untergegangen. Die Babylonier haben sie besiegt. Und bald danach haben sie die Israeliten überfallen und deportiert. Auch das Pharaonenreich ist schließlich untergegangen.

Aber das kleine jüdische Volk mit seinem Glauben an den einen Gott gibt es immer noch – im heutigen Israel, aber auch verstreut über die ganze Welt. Was klein ist, ist von Gott erwählt – die geschichtliche Realität mag man wie eine Bestätigung dieses Gedankens empfinden.

Vielleicht kann man sich so die gewalttätigen Worte in unserem Predigttext und in den Versen vorher und nachher erklären. Da war dieses Gefühl von Ohnmacht und Unsicherheit. Ständig nah am Untergang. So hat Israel, so haben Juden schon immer gelebt.

Und so haben die Verfasser des 5. Buches Mose im 7. Jahrhundert die Geschichte von der Landnahme aus der Zeit 500 Jahre vorher aufgeschrieben und dabei die Geschichte wahrscheinlich ein wenig verbogen oder – anders gesagt – etwas verklärt, so als habe das kleine Volk der Israeliten schon damals zur Zeit Moses die großen Völker im Lande Kanaan besiegt, mit Hilfe seines Gottes.

Es sind also Worte von Menschen, die die Geschichte mit dem Blick des Glaubens gedeutet haben – so wie Menschen immer wieder die Religion in Anspruch nehmen und manchmal auch missbrauchen, um ihre Sicht auf die Dinge bestätigt zu finden.

Wahrscheinlich war es in Wirklichkeit gar nicht so. Wahrscheinlich sind die Israeliten so nach und nach ins gelobte Land eingesickert, viel weniger kriegerisch, als es in den biblischen Büchern geschildert wird.

Interessant ist nämlich auch, dass neben der Abgrenzung gegen andere Völker im 5. Buch Mose ganz andere Dinge wesentliche Themen sind – etwa das friedliche Miteinander verschiedener Völker und der Einsatz für die Schwachen. Das setzt gewissermaßen einen Kontrapunkt gegenüber den gewalttätigen Versen unseres Predigttextes.

Im 24. Kapitel heißt es zum Beispiel: „Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen und sollst der Witwe nicht das Kleid zum Pfand nehmen. Denn du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägypten gewesen bist und der Herr, dein Gott, dich von dort erlöst hat. Darum gebiete ich dir, dass du solches tust.“

Das zieht sich durch: Weil die Israeliten selbst Flüchtlinge waren und Fremde, sollen sie die Fremden mit Achtung behandeln. Große Weisheit ist das. Und ein Gebot Gottes, das es in vielen Varianten in der Bibel gibt.

Gewaltphantasien zu haben, wenn man bedroht ist – das lässt sich zumindest nachvollziehen. Aber sie auszuleben – das geht gar nicht. Darum braucht es die Gebote Gottes, die uns daran hindern.

Liebe Gemeinde, Erwählung ist in diesem Sinne als Zeichen der Liebe und Zuwendung Gottes zu verstehen – und nicht als Rechtfertigung von Intoleranz und Abwertung anderer, schon gar nicht von Hass und Gewalt. Die Erwählung beinhaltet Zuspruch und Anspruch gleichermaßen. Wer erwählt ist, für den gelten auch Regeln und Gebote.

Und wir – sind wir als Christen auch erwählt? Sicher ist: Das Volk Israel bleibt Gottes auserwähltes Volk. Wir Christen sind nicht an seine Stelle getreten. Aber Jesus, der Jude und damit Teil des erwählten Volkes war, hat einen zweiten, unzerstörbaren, ewigen Bund mit Gott begründet. Durch den Glauben haben wir Anteil an diesem Bund.

In Jesus Christus hat Gott sich den Menschen in Liebe zugewandt, ohne besondere Voraussetzungen an ihre Herkunft oder Leistung zu stellen. Wie bei der Erwählung Israels hat Gott auch durch Jesus Christus seine bedingungslose Liebe zu den Menschen gezeigt.

Die Taufe ist das Symbol für die Zugehörigkeit zu diesem Bund. Sie zeigt: Dieser Mensch ist von Gott erwählt als sein geliebtes Kind, ein Leben lang und darüber hinaus. Nicht weil er so großartig ist, nicht weil er schön ist oder klug oder etwas Besonderes leistet, sondern weil er geliebt wird. Ganz einfach.

Martin Luther greift diesen Gedanken in der Heidelberger Disputation auf, wenn er formuliert: „Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.“

Oder mit den Worten des Theologen Helmut Thielicke: „Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll wären, sondern wir sind wertvoll, weil Gott uns liebt.“ Das schafft eine neue Perspektive und setzt einen Akzent gegenüber dem, was wir so oft in unserer Gesellschaft finden.

Und wie für das Volk Israel mit der Erwählung die Verpflichtung verbunden ist, das Gesetz Gottes zu halten, so sind wir als Christen auf Jesu Weisung verpflichtet: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, heißt es im Johannes-Evangelium. Und ganz wichtig ist die Fortsetzung: „… und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“

Die Erwählung ist Gottes liebevolle Zuwendung zu uns. Sie macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen. Aber indem uns die bedingungslose Liebe Gottes zugesagt wird, werden wir frei, um fröhlich nach Gottes Geboten zu leben und sein Licht in der Welt leuchten zu lassen.

Das fordert uns auf, auch die Menschen am Rande der Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren – sondern in ihnen vielmehr Gottes Angesicht zu sehen und uns so zu Toleranz und Menschlichkeit aufrufen zu lassen.

Die Bibel drückt es so aus: Du bist heilig. Du bist erwählt, nicht weil du groß bist, sondern weil Gott dich liebt. So wie er andere auch liebt.

Gott gebe uns die Kraft und die Hoffnung, im Glauben an seine liebevolle Zuwendung als seine erwählten Kinder unser Leben zu führen.

Amen.
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5. So. nach Trinitatis


Pfarrerin Esther Richters hält den Gottesdienst

Der Predigttext: Lukas 5, 1-11

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.
2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.
6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.
8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.
9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,
10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Der Predigt wurde uns nicht zur Veröffentlichung auf unserer Homepage freigegeben.
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4. So. nach Trinitatis


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
dem heutigen Sonntag ist in der kirchlichen Predigttextordnung das Thema „Versöhnung“ zugeordnet. Wenn wir uns die Welt so ansehen und an die vergangenen Wochen, Monate und Jahre denken, kommt das gerade recht, möchte man meinen.
[Predigttext lesen: Römer 12, 17-21]

Paulus versucht im ganzen 12. Kapitel des Römerbriefes darzulegen, wie die Liebe Gottes im Alltag aussehen kann. In der Lutherbibel ist das Kapitel überschrieben mit „Das Leben als Gottesdienst“. Ich würde es etwas anders beschreiben mit „Gottesdienst im Alltag der Welt“. Paulus geht es darum, dass unser Glaube nicht nur im viel zitierten „stillen Kämmerlein“ praktiziert wird, sondern dass er hinausgetragen wird in die Welt. Alle Welt soll sehen, dass der christliche Glaube etwas Wichtiges ist. Alle sollen sehen, dass die Christen nicht nur Worte machen, sondern dass den Worten Taten folgen. Unser Glaube soll nicht nur zur ewigen Seligkeit verhelfen. Das auch. Sondern er soll aber schon im Hier und Jetzt Auswirkungen auf unser Leben haben.

Versöhnendes Handeln braucht Überwindung. Ich muss etwas tun wollen, damit sich die Verhältnisse ändern und ins Lot gebracht werden können.
Versöhnendes Handeln braucht Mut. Denn manchmal werde ich dabei auch die vermeintliche Mehrheit gegen mich haben.
Versöhnendes Handeln braucht daher manchmal auch Verbündete.
Versöhnendes Handeln braucht Offenheit. Damit Missverständnisse aufgedeckt werden können.

Wir brauchen für dieses Themenfeld gar nicht in die weite Welt hinausblicken. Da reicht es schon, einfach die Wohnungstür aufzumachen.

Denn wir kennen ja aus dem eigenen Leben genug Beispiele: Das fängt bei Gerüchten an, die über andere verbreitet werden. Wie schnell werden aus Vermutungen, oder manchmal sind es böswillige Unterstellungen, so genannte „Tatsachen“, aufgrund derer dann manche Menschen nicht mehr angeschaut und gemieden werden.

Wie schnell hört man schon in den unteren Klassen der Schule: „Der hat mich beleidigt.“ Und schon kriegt er eine Backpfeife. Und dann heißt es manchmal ‚entschuldigend’ „Mein Vater hat gesagt, ich soll mir nichts gefallen lassen.“

In beiden Beispielen braucht es das klärende Gespräch. Auge in Auge, von Angesicht zu Angesicht. Mit der Chance den eigenen Standpunkt darzulegen. Ich hoffe zutiefst, dass diese Verse aus dem Römerbrief uns zu solcher Offenheit ermutigen. Das gilt nicht nur in unserer Familie, unserem Freundeskreis, in der eigenen Gemeinde sondern auch für das Miteinanderleben in der Gesellschaft.

[live: Pfr. Weiß erzählt:]
Während meiner Ausbildung im Lehrvikariat haben wir während der vierwöchigen Kurse in Heidelberg auch jeweils einmal ein gemeinsames Wochenende miteinander verbracht. Die wurden gesellig und kulturell gestaltet, einmal haben wir ein katholisches Priesterseminar besucht, und einmal waren wir für zwei Nächte mit der Heidelberger Polizei auf Streife. Auch wenn an diesem Wochenende nichts Spektakuläres passierte, gehört diese Erfahrung doch mit zu meinen eindrücklichsten Erlebnissen.

Auf einer der Fahrten sind wir in einer Einfamilienhaussiedlung unterwegs gewesen. Der Fahrzeugführer verlangsamte die Fahrt und sagte: „Passen Sie mal auf, was gleich passiert.“ Ich war natürlich sehr gespannt.
So, wie Sie jetzt hoffentlich auch gespannt sind, wie es weitergeht.

Plötzlich war der Streifenwagen in gleißendes Flutlicht getaucht. Wir sind an zwei so genannten Bewegungsmeldern vorbeigefahren, die ja heute an ganz vielen Häusern installiert sind. Aber dabei ging nicht einfach die Hausbeleuchtung an, sondern große Halogenscheinwerfer machten den Bereich vor beiden Häusern bis zur Straße taghell. Fragend schaute ich die Beamten an. „Schauen Sie“, sagte einer, „das ist ein typisches Beispiel für das Sprichwort: Es kann der eine nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Die beiden Häuslebauer müssen sich gleich bei ihrer ersten Begegnung in die Haare gekommen sein. Angefangen hatte es mit einem Hund, dem der Vorgarten des Nachbarn ganz gut gefiel. Leider hatten die frisch gepflanzten Blumen darunter gelitten. ‘Selbst ist der Mann’, dachte sich der beflissene Hobbygärtner, schnappte sich seine Säge und wurde zum Holzfäller in Nachbars Garten. Die frisch gesetzte Edel- Tanne hat das nicht überlebt. ‘So geht’s nicht’, dachte sich der andere, griff zum Spaten und buddelte wild drauflos: Aber in Nachbars Garten. Am nächsten Tag trennte eine hohe Mauer beide Grundstücke voneinander. Und in der folgenden Woche klemmten an den Dachrinnen Videokameras, mit deren Hilfe genau registriert werden kann, wohin die Nachbarn ihre Schritte lenken.

Tja, so geht’s wirklich nicht, liebe Gemeinde. Wir wissen nicht, wie die Vorgänge weiter eskaliert sind, oder ob die beiden Familien eine Lösung gefunden haben.

Und da wir keine „Engel“, sondern Menschen sind, werden wir sicher auch immer wieder Menschen begegnen, mit denen wir besser auskommen, und anderen, mit denen das schlechter klappt. Das ist wohl so in der noch nicht erlösten Welt. Und das kann auch nicht einfach weggeredet oder geleugnet werden.

Paulus wusste das auch schon, aber er schreibt nun: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Das ist schon ein ungeheurer Anspruch. Aber er würde ihn nicht erhoben haben, wenn er nicht zutiefst davon überzeugt gewesen wäre, dass es zumindest den Versuch wert ist. Eskalation hilft nicht weiter.

Mit diesem Beispiel möchte ich noch auf einen anderen Aspekt hinweisen. Die christliche Liebe zu einem Feind, wenn ich mit den Worten von Paulus rede, heißt nicht, dass wir uns einfach alles gefallen lassen müssen. Es geht auch im Römerbrief nicht darum, zu allem „Ja!“ und „Amen.“ zu sagen. Unrecht, auch eigenes erlittenes Unrecht, darf benannt werden. Ja, es kann sogar sehr gut sein, wenn die Betroffenen sich zusammentun, miteinander solidarisch sind. Wir brauchen nicht einfach alles schlucken und auf das Magengeschwür zu warten. Wir dürfen es nicht nur aussprechen, sondern wir müssen es vielleicht sogar aussprechen. Das sind wir unserem Körper und unserer Seele schuldig. Schließlich gehören beide nicht nur uns selbst, sondern auch Gott.

Wichtig ist aber, wie wir dann mit diesen Problemen umgehen. Was wir damit und daraus machen. Wir müssen das auch nicht alleine angehen, sondern wir können dafür Hilfe in Anspruch nehmen: Von anderen Familienmitgliedern, von Gemeindegliedern, die unser Vertrauen haben, vom Pfarrer, von geschulten Mediatorinnen oder Mediatoren. Das hängt natürlich vom jeweiligen Konflikt ab.

Manchmal habe ich den Eindruck: Wir haben als Christen zuwenig gelernt, miteinander zu streiten. Es hat uns niemand gesagt, wie wir uns bei Konflikten verhalten können, ohne uns dabei selbst aufzugeben, oder im Gegenzug: Ohne einfach nur den Gegner „niederzumachen“.

Wir müssen lernen, miteinander zu streiten. Von klein auf. Wir müssen lernen, Konflikte so miteinander zu lösen, dass mehr als nur ein „Burgfriede“ dabei herauskommt. Wenn nur einer mit dem Ausgang der Verhandlungen zufrieden ist, wird der Konflikt über kurz oder lang wieder ausbrechen. Aber das kann ja wohl nicht das Ziel sein, oder?!

Wenn in der Weltpolitik wieder „der starke Mann“ gefragt ist, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Das zeigt jeder Blick in die Geschichte. Nur miteinander kann die Menschheit überleben.

„Versöhnung“ hieß vor über 20 Jahren das Motto einer europäischen ökumenischen Versammlung, die 1997 in Graz stattgefunden hat. Es ist sehr schade, dass die Ergebnisse solcher kirchlichen Konferenzen so wenig Einzug in die Politik schaffen.

Denn das Thema ist viel brisanter, als es gemeinhin scheinen mag. In den Vorbereitungsdokumenten wurde sehr schön deutlich, dass Versöhnung mit allen unseren Lebensbereichen zu tun hat. Denn die Konflikte zwischen einzelnen Menschen sind nur eine von mehreren Seiten dieses Themas. Die Versöhnung mit der Natur kommt darin ebenso vor wie die Versöhnung zwischen Menschen mit bezahlter Arbeit und solchen, die keine haben. Damit erhalten diese ökumenischen Ergebnisse bei uns vielleicht noch einmal eine ganz neue Aktualität.

Ich halte es für sehr reizvoll, diesen Prozess nicht aus den Augen zu verlieren. Eine Möglichkeit dafür könnte ja die Friedensdekade im Herbst sein.

Frieden halten mit jedermann; das gilt für den Bereich der Politik und der Gesellschaft. Es gilt aber in gleicher Weise auch für unser persönliches Leben.

Paulus sagt das nicht einfach nur so dahin, weil es ganz gut klingt, und sich das für Christen eben so schickt. Er hat die Erfahrung gemacht, dass ein Leben, das von Jesus Christus geleitet ist und sich an ihm orientiert, dazu auch in der Lage ist. Diese Erfahrung möchte er weitergeben. Er will die Gemeinde in Rom dazu ermutigen, sich von dieser Erfahrung im Alltag tragen zu lassen. Jesus ist das Vorbild für ein solches Leben. Aber mehr noch: Jesus Christus wird zur treibenden Kraft für solch ein Leben; er ist der tiefe innigste Grund dafür, weshalb wir uns auf dieses Wagnis einlassen können. Immer wieder neu.

Paulus schließt seine Einladung und Ermutigung mit der Aufforderung zum ersten Schritt in Richtung Versöhnung: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Amen.

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