Archiv Mai-Juni

gesammelte Beiträge aus Corona-Zeiten 2020:


3. So. nach Trinitatis
2. So. nach Trinitatis
1. So. nach Trinitatis
Trinitatis
Pfingstsonntag
Exaudi
Himmelfahrt
Rogate
Kantate
Jubilate
Misericordias Domini


3. So. nach Trinitatis


(Prädikant Rainer Illg)
Predigt am 28. Juni 2020 in Diedelsheim zu Micha 7, 18-20

Liebe Gemeinde,

wir wollen heute auf ein Wort aus dem Alten Testament hören. Es steht im Buch des Propheten Micha. Er gehört zu den 12 „Kleinen Propheten“. (Lesen des Predigttextes)

Der Prophet Micha wirkte zur Zeit des Propheten Jesaja. Wie dieser wirkte er in Juda. Die Zeit seines Auftretens kann man zwischen 750 und 690 v. Chr. datieren. Genau wie Amos wusste er auch um die Nöte der kleinen Leute, was darauf schließen lässt, dass diese beiden Propheten aus Orten auf dem Land stammten. Auch damals waren die sozialen Verhältnisse schon unerträglich. Seine Botschaft nun setzt sich damit auseinander.
Daneben übte er auch harte Kritik an den damaligen Gottesdiensten, die in Heuchelei ausgeartet waren.
Hier beginnt nun der Auftrag an Micha, in dem es heißt, dass er das Wort des Herrn geschaut hat über Samaria und Jerusalem. Andere Prophetenbücher beginnen mit: Da geschah des Herrn Wort zu… Hier sehen wir, dass das Wort, das Gott spricht, eine gewaltige Wirkung entfaltet.
Wenn wir an den Anfang der Bibel gehen, in das Buch Genesis oder auch 1. Mose und hier uns die Schöpfungsgeschichte anschauen, dann können wir lesen, dass alles was Gott in diesen sechs Tagen geschaffen hat, durch sein Wort: „und Gott sprach“ geschehen ist.

Und so spricht auch hier Gott zu Micha: Sage zu allen Völkern: Merk auf, denn der Herr hat mit euch zu reden. Also wenn Gott so redet, dann muss es sich um etwas wichtiges handeln. Dazu will er aus dem Tempel, aus seiner Wohnung herausgehen. Um was geht es? Es geht um die Übertretungen Jakobs –Jakob ist hier gleichgesetzt mit dem Volk Israel – Was hat Jakob falsch gemacht oder was sind die Übertretungen, die Gott hier durch den Propheten Micha anprangert? Es ist der Götzendienst der überwiegend in Samaria, aber auch in Juda praktiziert wird.
Gott hatte Israel während seiner 40 jährigen Wüstenwanderung immer wieder vor Völkern gewarnt, die damals schon fremden Göttern opferten, sich mit diesen zu verbinden und deren Opferkulte zu übernehmen.
Wenn der Prophet Micha uns heute fragen würde, was sind unsere Götzen, woran hängen wir unser Herz? Natürlich haben wir heute keine Opferhöhen mehr, wie die Menschen damals. Aber vielleicht stehen unsere Götter in der Garage, oder liegen in irgend einem Hafen, oder in einem Banksafe? Oder ist es vielleicht auch nur unsere Gesundheit? Die ja das wichtigste Gut ist! Und wenn sie weg ist, was dann!?
Dann spricht Micha auch gezielt die religiösen Führer an, weil sie das von Gott gesetzte Recht nur zu ihrem eigenen Vorteil gebrauchen. Sie verdrehen die göttliche Ordnung und rechnen dann auch noch mit Gottes Schutz in dem sie sagen: „Ist der Herr nicht unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen“? Welch eine Vermessenheit! Hiergegen setzt Micha mit schneidender Schärfe Gottes Nein.
Die Botschaft des Propheten ist dann auch entsprechend hart und schockierend für deren Hörer:
Um euretwillen wird Zion wie ein Acker gepflügt werden, Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Tempel wird zerstört. Keine leeren Androhungen, die Gott da macht, denn es ist alles so eingetreten, wie wir in der Bibel nachlesen können.
Aber Gott will nicht nur Rache üben, wie es im Alten Testament oft auch rüberkommt, sondern sich auch seiner Menschen wieder gnädig zuwenden. Und so sagt er, dass er die Verstoßenen, die er geplagt hat, wieder zusammenbringen und sie zum großen Volk machen will. Und am Anfang von Kap. 5 gibt es schon einen Hinweis auf das Neue Testament, indem es heißt, dass aus Bethlehem, dieser kleinen Stadt in Juda, der kommen soll, der in Israel Herr sei, nämlich Jesus selbst, der aus Davids Geschlecht abstammt.

Kapitel 6 beginnt mit einem „Rechtsstreit“ Gottes mit Israel. Hier spricht Micha das Problem des religiösen Ritualismus an, hinter dem die Vorstellung steckt, man könne allein durch das äußerliche Einhalten von bestimmten Riten und Formen Gott gnädig stimmen. Er stellt unmissverständlich klar, dass Gott eben Opfer und Rituale nicht automatisch gefallen, auch wenn sie noch so verschwenderisch sein mögen, z.B. Tausende von Widdern oder auch an unzählige Mengen von Öl.
Und dann folgt dieser bekannte Vers 8: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Was Gott von uns Menschen, als allererstes vom Menschen fordert, ist „Recht und Gerechtigkeit tun“ Gottes Wort halten das ist Glauben, Lieben und Leiden. Demütig sein vor deinem Gott kann bedeuten: „achtsam, aufmerksam und bereitwillig wandeln mit deinem Gott.

Ein weiterer wunder Punkt, den hier der Prophet anspricht, ist: Lug und Trug. Es geht hierbei hauptsächlich um falsche Maßeinheiten, um falsche Waagebalken und gefälschte Gewichte. Ich denke daran, dass wir früher bei meinen Großeltern, die eine kleine Landwirtschaft hatten, auch solch eine Waage vorhanden war, um Säcke mit Kartoffeln oder Getreide, oder auch Kleinvieh zu wiegen. Da gab es dann größere und kleinere Gewichte, die alle mit einem Eichstempel verstehen waren, um falsche Wiegungen auszuschließen.
Weiter führt Micha aus, dass Gott solchen Praktiken nicht tatenlos zusieht, wenn man seine Ordnungen mit Füßen tritt. Und dann wird auch alle Geschäftigkeit, z.B. zur Sicherung für die Zukunft vergeblich, weil Gott ihr seine Zustimmung und seinen Segen verweigert. Da trifft dann auch das Sprichwort zu: Unrecht Gut gedeiht nicht.
Der Prophet beklagt auch, dass die frommen und gerechten Leute aus dem Lande weg sind, und die, die noch da sind, lauern nur darauf, Böses zu tun. Z.B lassen sich Fürsten und Richter mit Geschenken bestechen. Er vergleicht die vergebliche Suche nach Menschen, die Gott ernst nehmen und ihm die Treue halten, wie die Suche nach Früchten, wenn die Ernte längst vorüber ist.
Und er folgert daraus, dass, wo Gott nicht mehr die Maßstäbe setzt, sondern der eigene Vorteil, da zerbricht jegliche menschliche Gemeinschaft am wachsenden Misstrauen. Hilfe und Veränderung kann daher nur noch von Gott kommen.

Liebe Gemeinde, der Prophet Micha hat vor ca. 2700 Jahren gewirkt, als er diese Worte im Auftrag Gottes an die Menschen in Juda gesprochen hat. Und ich habe den Eindruck, er hätte uns heute nicht viel anderes zu sagen.

Und so scheint auch schon im Alten Testament die Liebe Gottes durch, denn indem Jerusalem sich seiner Schuld bewusst ist und auch seine Strafe annimmt, so dürfen sie doch hoffen, dank der Verkündigung des Propheten, auf die Treue und Erbarmen seines Gottes, denn er wird sein Volk und Land aus der Finsternis wieder ins Licht bringen. Gleichzeitig kündigt das Prophetenwort den Wiederaufbau der zerstörten Mauern Jerusalems an. Das Stadtgebiet soll danach so groß sein, um die vielen Mensch aufzunehmen, die aus aller Welt nach Jerusalem strömen werden. Ich denke, man kann das schon deuten auf die Zukunft hin, wenn Jesus Christus wiederkommt.

Liebe Gemeinde,
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig! Er wird sich unser erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob (Israel) die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.
Die Hinwendung zu Gott, war die Bedingung, für die Rückkehr aus der Verbannung und die Vergebung der Schuld. Diese Tat Gottes steht im Mittelpunkt des Hymnus und damit schließt auch das Buch Micha. Gottes Vergebungsbereitschaft –sie zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch das gesamte Alte Testament hindurch – hat man von jeher gewusst und an ihm gepriesen.
Dass Gott aber nochmals, nach der selbstverschuldeten Katastrophe im Jahre 587 v. Chr., der Wegführung des Volkes in die babylonische Gefangenschaft, sich der Übriggebliebenen annehmen würde, war nicht zu erwarten. Sie offenbart aber die Vergebungsbereitschaft und die Treue Gottes.
Ich möchte nur zwei Bibelstellen nennen, die das vorgenannte unterstreichen:

Jes. 43, 25:Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.
Jes. 44, 22: Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich.
In der Vernichtung der Schuld und der Sünden –hier wird auf 2. Mose 15,4ff verwiesen, wo der Pharao mit seiner Streitmacht in den Fluten des Meeres versinkt – Dies ermöglicht die neue Inbesitznahme des Landes und es bewährt sich die Treue Gottes zu den Vätern und den ihnen gegebenen Verheißungen.

Mein letzter Punkt:
Was hat das Buch Micha für heute zu sagen?
Micha 6, 6-8 (wurde bereits erwähnt) ist eine Bibelstelle, die man nicht übergehen kann. Hier wird besonders deutlich, dass Gott keineswegs erwartet, dass wir nur fleißig zur Kirche gehen – Gott will, dass wir ein Leben führen, das von Gerechtigkeit und dem tiefen Wunsch nach Liebe und Gnade geprägt ist; wir sollen unseren Alltag in engster Nähe zu ihm, unserem großen Schöpfer und Erlöser, leben. Erst dann haben unsere Gottesdienste und Andachten einen Sinn, erst dann beten wir in ihnen Gott wirklich an.
Michas eindeutige Identifizierung von Bethlehem als dem Geburtsort des Messias –wohlgemerkt ca. 700 Jahre v.Chr. Geburt- verdeutlicht, wie exakt die alttestamentlichen Prophetien sind. In der Tat: Jesus war die Erfüllung des Alten Testaments. Dies sollte uns anspornen, Gott mehr zu vertrauen, der hinter der ganzen Menschheitsgeschichte wirkt und seinen Plan ausführen wird. Amen.

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2. So. nach Trinitatis


(Pfr. iR. Dr. Martin Schneider)
Predigt 21. Juni 2020 in Diedelsheim zu Mt 11, 25-30

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

zu den oft übersehenen Denkmalen in unserer Landschaft gehören die s.g. Ruhebänke. Das sind massive Sandsteinbänke, die aber nicht zum Sitzen geeignet sind. Die Sitzfläche wäre viel zu hoch. Wozu dienten sie? Nun sie waren dafür gedacht, dass Menschen, die schwere Lasten auf ihrem Rücken trugen, diese Last für eine Zeit dort abstellen konnte. So konnten sie sich ein wenig ausruhen. Menschen mit schweren Lasten, die mühselig und beladen waren, gab es früher viele. Frauen und Männer, ja sogar Kinder hatten schwer zu tragen. Das gibt es heute kaum nach. Moderne Technik hat dazu beigetragen, dass den Menschen die Last schwerer körperlicher Arbeit weitgehend abgenommen wurde. Aber sind wir deshalb unbelastet?

Hören wir noch einmal auf die Worte von Jesus:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Ich glaube kaum; wenn Jesus mühselige und beladene zu sich ruft, wenn er ihnen Erquickung verspricht, dann ist da aktuell wie damals. Wir leben in anderen Zeiten und doch sind Menschen, mühselig und beladen. Wir leiden unter anderen Lasten. Auf uns lastet der Erfolgsdruck, jeder will bestätigt werden, dass er toll, dass er gesund, erfolgreich, cool ist. Andere leiden darunter, dass sie nie zufrieden sind, nie zur Ruhe kommen und ständig auf der Suche sind nach dem Kick, dem besonderen Erlebnis. Sie kennen keine Grenzen; mit 80 Jahren Marathon, perfekte Mutter sein und dann noch Karriere machen. Die Zahl der psychisch Kranken wird nicht weniger. Die Zahl der Süchtigen auch nicht.

Jesus lädt ein, einen anderen Weg zu gehen, damit wir zur Ruhe kommen und endlich zufrieden sind. In Ihm ist die Liebe des Vaters im Himmel, die Liebe von der wir oft träumen, nach der wir uns sehnen und die doch hier ganz nah und hilfreich ist. Bei ihm können wir zur Ruhe kommen, in ihm ist das Leben, das ganze, das erfüllte, das ewige Leben. Warum nicht zu ihm kommen?

Viele schleppen ein Leben lang schwere Lasten mit sich herum. Sie haben irgendwann schlimmes Unrecht erfahren und kommen nicht darüber hinweg. Was könnte ihnen helfen? Wenn die Schuldigen von damals bestraft werden z.B. Aber da versagt unsere Justiz oft. Manches Unrecht ist verjährt, anderes lässt sich mit unseren Gesetz gar nicht erfassen und schon gar nicht sühnen, was auch immer, man darunter versteht.

Erinnern wir uns, was uns die Heilige Schrift lehrt. Jesus ist gekommen, um die Schuld aller Menschen zu sühnen. Dafür ist er gestorben. Schuld kann vergeben werden. Diese Last muss keiner ein Leben lang mit sich herum tragen. Wir können vergeben unseren Schuldigern wie es im Vaterunser heißt, weil auch uns vergeben ist.

Wir alle haben eine Vergangenheit und die beginnt mit unserer Geburt. Die Schuld derer die vor uns waren, belastet auch unser Leben. Belastet auch die Geschichte z.B. der Kirche. Sie wird auch die Gemeinschaft der Heiligen genannt. Aber was sind das für Heilige? Ich denke an die Geschichte von unserem Liederdichter Georg Grünwald. Sein Lied ist eine Auslegung unseres Predigtwortes. Was war er für ein Mensch? Im Gesangbuchanhang steht kurz und knapp:

Grünwald, Georg geb. um 1490 in Kitzbühel (Tirol), Schuhmacher, 1526 Vorsteher der Täufergemeinde; 1530 als Wiedertäufer in Kufstein (Tirol) verbrannt.

Was für eine Geschichte! Wie konnte das geschehen, dass Christenmenschen einander umbringen konnten. Einen einfachen Mann aus dem Volk, einfach nur weil er anders glaubte als sie. Woher nahmen sie das Recht ihn zu verurteilen und zu töten? So vieles kann man nicht begreifen.

Wir leben von Vergebung, das gilt auch für unsere lieben Väter und Lehrer im Glauben; angefangen bei Petrus bis hin zu Luther und Melanchthon und gewiss auch für D.B. und M.L.King. Unbelastet ist keiner, aber sie alle durften erfahren und haben es bezeugt, Er, Jesus hat unsere Schuld auf sich genommen. Es werden noch viele von ihren Sockeln gestürzt werden, auf die man sie gestellt hat. Wir Christen bekennen uns zu dem, der gekommen ist um die Wahrheit ans Licht zu bringen, aber nicht um Menschen fertig zu machen sondern um uns zu befreien.

Aber kommen wir jetzt zum Schluss, was meint Jesus damit, dass wir nun doch wieder unter ein Joch sollen und wieder eine Last zu tragen bekommen, von der er sagt, sie sei leicht? Es geht nicht um moralische Perfektion, nach der

Devise ja keine Fehler machen. Es geht um das Gebot der Liebe, aus der Liebe heraus frei zu handeln und zu entscheiden. Und dieses leichte Joch hat zwei wichtige Kennzeichen oder Hilfsplanken, die verhindern sollen, dass wir über die Stränge schlagen. Sanftmut ist das eine. Sanftmut, die verhindert, dass wir im Zorn oder Eifer anderen Schaden zufügen. Demut, die uns daran erinnert, dass uns Grenzen gesetzt sind. So werden wir vor aller Maßlosigkeit bewahrt, zu der uns Menschen unsere großartigen Gaben und Möglichkeiten immer wieder verführen. Zu jener Maßlosigkeit gehört auch der verzweifelte Versuch alles begangene Unrecht zu sühnen und Gerechtigkeit einzufordern, einzuklagen und im Zweifel mit Gewalt zu ertrotzen. Genug für heute.

Hören wir noch einige Verse aus dem Lied von Georg Grünwald. Er war ein Opfer jener Gewalt, die dort herrscht, wo Sanftmut und Demut fehlen. Aber er war und ist ein glaubwürdiger Zeuge für das Evangelium, das Jesus verkündigt hat, seine Einladung zu einem befreiten Leben.

Amen.

1. Kommt her zu mir«, spricht Gottes Sohn, »all die ihr seid beschweret nun, mit Sünden hart beladen, ihr Jungen, Alten, Frau und Mann, ich will euch geben, was ich han, will heilen euren Schaden.

2. Mein Joch ist sanft, leicht meine Last, und jeder, der sie willig fasst, der wird der Höll entrinnen. Ich helf ihm tragen, was zu schwer; mit meiner Hilf und Kraft wird er das Himmelreich gewinnen.

6. Höret und merkt, ihr lieben Leut, die ihr jetzt Gott ergeben seid: Lasst euch die Müh nicht reuen, halt’ fest am heil’gen Gotteswort, das ist eu’r Trost und höchster Hort, Gott wird euch schon erfreuen.

7. Und was der ewig gütig Gott in seinem Wort versprochen hat, geschworn bei seinem Namen, das hält und gibt er g’wiß fürwahr. Er helf uns zu der Heilgen Schar durch Jesus Christus! Amen.

(Evangelisches Gesangbuch Nr. 363, 1+2+6+7)

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1. So. nach Trinitatis


Zusammenhalt

Gottesdienst am 14.06.2020 in Diedelsheim mit Predigt von Pfr. Gunter Hauser

Begrüßung

Guten Morgen, liebe Gemeinde,

ich freue mich, dass ich heute mit Ihnen Gottesdienst feiern darf. Ich bin Pfr. Gunter Hauser und bin Bezirksbeauftragter für Flucht und Migration.

Das Thema Corona überlagert zur Zeit alles. Eines zeigt die Corona-Krise aber auch ganz deutlich. Was es jetzt braucht und was es auch gibt, ist Zusammenhalt. Bei uns in der Kirche sagen wir Nächstenliebe, aber dieses Wort gefällt nicht allen.

Mit dem heutigen Predigttext aus Apostelgeschichte 4 möchte ich mit Ihnen analysieren: Warum konnten wir in der letzten Zeit vor Corona unsere Themen nicht mehr zu Gehör bringen? Und wie kann uns das Thema Zusammenhalt gerade jetzt neue Zuversicht geben …?

Predigt:

Liebe Gemeinde,

das Thema „Zusammenhalt“ ist plötzlich aktuell in unserem Sprachgebrauch.
Vor Corona herrschte eine andere Sprache: „Ich bin doch nicht blöd !“
Kennen Sie diese Werbung noch?

Ich bin doch nicht blöd:“
Das hieß: Ich zahl nur den niedrigsten Preis. – Ich zahl auch keine Steuern, wenn es irgendwie anders geht. – Ich trete auch mal schnell aus der Kirche aus, weil mich meine Bank darauf aufmerksam macht, dass ich von der Kapitalertragssteuer auch noch ein Prozent Kirchensteuer zahlen soll …

Aber es gab dazu noch eine Steigerung: Die hieß: „Geiz ist geil!“
Und wer jetzt meint, das war doch nur ein Werbespruch, der täuscht sich.

Gewinnmaximierung wurde und wird noch vom Finanzamt allen Unternehmen vorgeschrieben. „Geiz ist geil“ gehört fast zu den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems. Alles ist nur auf möglichst viel Gewinn ausgerichtet.

Und jetzt kommt da so ein kleines Virus Corona und hält uns den Spiegel vor.

Plötzlich merken wir, dass man Geld nicht essen kann – … und hamstern Klopapier … !?!

Auf einmal sind Pflegekräfte die Helden der Nation. Vorher waren sie notorisch unterbezahlt und überlastet. Keine einheimische Arbeitskraft will in die Pflege, weil man da zu schlecht verdient. Daher werben wir weltweit Pflegekräfte an.

Hat es Corona gebraucht, damit wir merken, dass wir auf dem Holzweg waren?

Auf einmal kann laut gesagt werden, dass Krankenhäuser keine Unternehmen sein dürfen, die Gewinn machen müssen. Vorher hatte sich das schleichend als Standard etabliert – „das ist halt heute so …“ – Wie krank war diese Idee? Gewinne machen mit den Kranken …?

Erst seit Corona merken wir, dass Zusammenhalt das einzige Heilmittel für unsere Gesellschaft ist.

Stellen wir uns mal vor, wir wären gesellschaftlich so weiter gerast, wie vor Corona …
Alle auf dem Ego-Trip, Gutmensch als Schimpfwort. Hätten wir so weiter gemacht, gäb es bald keinen Zusammenhalt mehr.

Bei uns in der Kirche sagen wir Nächstenliebe. Aber dieses Wort ist in der Gesellschaft total unmöglich, nicht zu benutzen …

Papst Franzikus sagt: „Wir brauchen jetzt die Kreativität der Liebe“.
Wie das praktisch gehen kann? Das steht in unserem heutigen Predigttext:

      Apostelgeschichte 4, 32-37:

Geschwisterliches Teilen in der Gemeinde in Jerusalem

All die vielen Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand von ihnen betrachtete etwas von seinem Besitz als persönliches Eigentum; alles, was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Mit großer Kraft und bestätigt durch Wundertaten bezeugten die Apostel Jesus als den auferstandenen Herrn, und für alle sichtbar lag großer Segen auf der ganzen Gemeinde.
Es gab unter ihnen niemand, der Not leiden musste. Denn die in der Gemeinde, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, wenn es an etwas fehlte, brachten den Erlös und legten ihn vor den Füßen der Apostel nieder. Das wurde dann unter die Bedürftigen verteilt.
So machte es auch Josef, ein Levit aus Zypern, den die Apostel Barnabas nannten, das heißt »der Mann, der anderen Mut macht«. Er verkaufte seinen Acker, brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Ja ist denn so etwas möglich? Da verkauft jemand seinen Besitz, um anderen zu helfen?
Bei uns versucht man Steuern zu sparen, wo es nur geht … – und dort ging man sogar ans Eingemachte!

Das ist ein kompletter Gegenentwurf zu unserem heutigen Gesellschaftsmodell.
Gewinnmaximierung auf der einen Seite – Zusammenhalt auf der anderen…
Und die Corona-Krise öffnet uns die Augen dafür.

Auf einmal ist Zusammenhalt angesagt – nicht nur bei uns in der Kirche, sondern überall …
Sogar die Berliner Polizei veröffentlicht im Internet ein Lied: „Wir lassen hier keinen allein – am Ende steht das große WIR“.

Und die Politik folgt christlichen Grundsätzen: Wer in wirtschaftlicher Not ist, dem wird geholfen. Aus der großen Gemeinschaftskasse …

Das erinnert doch an die Gemeinschaft der ersten Christen. Gewinnmaximierung war gestern! Heute ist eine neue Grundhaltung angesagt: Zusammenhalt.

Das ist für uns Christen eine ganz große Gelegenheit, unsere Ideale neu ins Gespräch zu bringen. Jetzt werden wir wieder gehört. Gestern waren wir noch die Gutmenschen, die Dummen, über die man gerne gespottet hat …
Heute sind wir die, die wissen, wie es geht.

In christlichen Klöstern geht es seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden so: Privatbesitz oder Anhäufen von Eigentum gibt es nicht. Wozu auch …!?
Wenn ich weiß, dass ich ich von Gott getragen bin und dass ich Geld nicht essen kann, dann ist es besser, wenn wir das teilen, was Gott uns gibt.

Und in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem war das so. Alle haben alles geteilt und hatten alles gemeinsam. Und wenn jemand in Not war, dann hat einer, der Privatbesitz hatte, diesen verkauft, und die Gemeinde konnte denen in Not helfen.

Wie weit haben wir uns von der ersten christlichen Gemeinde entfernt? Wir haben uns gründlich angepasst an das allgemeine Wirtschaftssystem, das geprägt ist von Gier und Geiz.

Im Mittelalter noch waren Gier und Geiz als Todsünde benannt. Heute machen wir über Sünden nur noch Witze. Und Todsünde …? – „Was für ein Quatsch …!

Und jetzt öffnet uns Corona die Augen dafür, was damit gemeint ist. Wenn alle geizig sind und keiner etwas hergibt, um anderen zu helfen, dann kostet es ganz schnell Leben und es bedroht unsere Gemeinschaft …

Der Begriff Todsünde meint aber vor allem, dass meine Seele stirbt, wenn ich mich nicht um andere kümmere. Dass ich jetzt im Herzen schon tot bin …

Geiz ist geil“??? – Autsch!
Wie tot mussten wir sein, dass wir die Gefahr dieses Spruches nicht bemerkt haben?

Aber das war gestern! Heute ist nach Corona und jetzt wird es Zeit, dass wir das Thema Zusammenhalt als unsere Chance begreifen.

Zusammenhalt bedeutet:

– Menschen in Not helfen und für sie einstehen.
– Benachteiligungen beim Namen nennen.
– alle Menschen als unsere Geschwister sehen.
– Gemeinschaft leben.
– Gut miteinander reden und Lösungen für Probleme finden.
– unsere Schöpfung bewahren
– Leben retten
– an das Beispiel Jesu erinnern
– auf Gott vertrauen, der uns alle trägt
– und so aus allem das Beste machen …

Jetzt ist die Zeit für Zusammenhalt.

mmm

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Trinitatis


(Predigttext: 4. Mose 6, 24-26) / Predigt verfasst von Pfarrer Weiß

Liebe Gemeinde,

wer in den letzten Wochen zum Gottesdienst gekommen ist, der musste schon sehr genau hinschauen, welche Plätze zum Hinsetzen freigegeben waren. Das kann einem schon fast wie ein Labyrinth vorkommen. Oder manche hatte vielleicht das Gefühl, dass einem da Steine in den Weg gelegt werden.

Gut, dass es keine richtigen Steine sind, über jemand tatsächlich stolpern und hinfallen könnte. So manch ein Stein kann ja auch sonst im Leben schnell zu einem Stolperstein werden, einem Hindernis, das den Weg beschwerlich macht.

Manch einer von Ihnen vermisst in diesen Tagen vielleicht die Steine in den Bergen, die Sie sich im Urlaub gern erwandert hätten. Oder die klitzekleinen Steine, die am Strand als Sand durch die Finger rinnen. An die erinnert man sich gern.

Anders mag das bei Steinen sein, die wir uns im übertragenen Sinn vorstellen können, etwas, das unserem Alltag im Weg liegt: Ängste, Sorgen, Trauer, Krankheit und Not. Davon gab es ja vorher schon genug im Leben, bevor auch nur jemand von uns das Wort Corona buchstabieren konnte. Und viele davon sind ja geblieben.

Viele Menschen suchen nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Sie wünschen sich ein Leben, das sie ausfüllt, in dem sie sich wohl fühlen können. Sie wollen sich gern so geben, wie sie sind, und wollen nicht ständig eine Rolle spielen, etwas Besonderes darstellen müssen. In so manchem Leben spielen Äußerlichkeiten eine so große Rolle, dass der Mensch buchstäblich auf der Stecke bleibt.

Was kann in diesem Zusammenhang bedeuten, wenn viele fordern, wir müssten endlich wieder zur ‚Normalität’ zurückkehren können? Soll der ganz normale Wahnsinn wieder bei uns Platz nehmen? Oder täte nicht gerade den Suchenden noch mehr Zeit zum Finden gut?

Wie gehen wir mit unseren Sorgensteinen um? Denken Sie völlig unabhängig von den Einschränkungen durch Corona daran, was Sie als letztes bedrückt hat! Was hat Ihnen zuletzt schlaflose Nächste bereitet?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag stammt aus dem Bereich von Erfahrungen, die Menschen schon vor Urzeiten mit Gott gemacht haben. Wenige Worte weisen über das Vergangene und die Gegenwart hinaus in die Zukunft der angesprochenen Menschen. Manche würden das heute „zielführend“ nennen. Wir können auch einfacher sagen: Sie zeigen, wo’s langgehen soll. Und das machen sie voller Vertrauen in den Herrn des Lebens.

Woher kommt solches Vertrauen? Die Geschichten des Bundes Gottes mit den Menschen bringen uns das immer wieder mit Erzählungen nahe, mit Personen, die darin vorkommen.

Abraham war so einer. Er hat nicht aufgegeben. Selbst in trostlosen Situationen hat er voller Vertrauen auf Gott geblickt. Gott hat ihn gesegnet und ihm zugesagt, immer bei ihm zu sein (1.Mose 12, 1-4a) Dieser Segen und sein Glaube an Gott haben Abraham stark gemacht.

Sie erinnern sich: Gott schickt ihn auf die Reise, und er zieht mit seiner Sippe einfach los. Ich stelle mir diese Wanderschaft sehr gefährlich und anstrengend vor, voller Gefahren und voller Stolpersteine. Welche Verantwortung da auf seinen Schultern gelastet hat! Schwer wie ein Mühlstein. Doch sein Glaube und sein Vertrauen zu Gott haben ihn gestärkt.

Am Ende des Weges führt ein Problem im Volk zum vermutlich weltweit ersten gelungenen Beispiel einer gewaltfreien Konfliktlösung: Das Volk wollte sich am Ende der Wanderschaft niederlassen. Aber es war gar nicht so einfach, für die großen Herden Weideplätze zu finden. Zwischen den Hirten von Familie Abraham und seinem Neffen, Familie Lot, kam es anfangs immer wieder zu Streit. Es musste eine Lösung gefunden werden. Abraham bietet großzügig seinem Neffen an: Such du dir das Land aus, in

das du mit deiner Familie und deinen Herden gehen magst. Ich werde in die andere Richtung ziehen.

Das lässt Lot sich nicht zweimal sagen. Er wählt das fruchtbare Land am Jordan. Für Abraham und seine Familie bleibt das karge, steinige, ja sogar felsige Land auf der Höhe. Dennoch zaudert und hadert er nicht, sondern nimmt diese Steine sogar, die ihn doch eigentlich verzweifeln lassen müssten, und er baut daraus einen Altar, um Gott anzubeten, um ihn zu loben und ihm zu danken. (1. Mose 13)

Für viele heutige Menschen ist das kaum zu glauben. Wie kann Abraham trotz allem Kummer und allen Sorgen noch danken?!

Er besitzt ein Vertrauen zu Gott, das bewundernswert ist. Aus diesem Vertrauen schöpft er Kraft. Darin kann er von sich selbst und dem Vordergründigen absehen.

Wir planen unser Leben und das unserer Familie und wünschen uns gegenseitig, dass kein Unglück und kein Leid geschehen mögen. Und wenn dann doch etwas geschieht? Dann ist man auch ganz schnell überrumpelt und ratlos. Und nicht wenige fragen: Wie konnte Gott das zulassen?

Dabei haben wir doch seine Zusage: Ich bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Diese Zusage ist uns sicher. Gott begleitet uns auf unseren Wegen, auf den schweren und den leichten, mit Steinen oder ohne. Er ist da, wenn wir seine Hilfe brauchen, und auch, wenn es uns gut geht und wir ihn vergessen. Er ist da und wartet darauf, dass wir uns ihm zuwenden. Er ist da, will unser Gegenüber sein, zu dem wir alles bringen können. Bei ihm ist der Raum, in dem wir alles abladen können. Der Raum, in dem wir uns nicht verstellen müssen. Gott kennt uns. Er liebt uns so, wie wir sind. Ich kann all die kleinen und die großen Sorgensteine bei ihm abladen. Ist das nicht unwahrscheinlich erleichternd?

Wenn ich von all dem Ballast befreit bin, der mich jeden Tag niederzudrücken droht, kann ich zuversichtlich nach vorne schauen. Mein Blick ist nicht mehr von täglicher Sorge gesenkt, sondern ich kann geradeaus blicken. So eine Blickrichtung lässt mich Lösungen finden und die nächsten Schritte gehen. Vielleicht nimmt jemand mich ja auch bei der Hand und führt mich die nächsten Schritte.

Wir dürfen begreifen: Gott schafft kein Leid, sondern er will uns beistehen, Leid zu überwinden. Er will uns stark machen, dass wir neuem Leid immer mutiger begegnen können. Jedes gelöste Problem macht uns stark, schenkt uns Vertrauen und Mut zu Gott.

Ich glaube, das hat den Abraham damals bewegt, den Altar zu bauen. Er wusste, dass Gott ihn und seine Familie auch im steinigen Land begleiten wird. Er vertraute auf den Segen Gottes, den dieser ihm zugesprochen hatte, bevor er sich mit Gott auf den Weg in das gelobte Land gemacht hat. Den Altar zu bauen, bedeutete für Abraham: Innehalten, sich besinnen, Gott zu loben und zu danken.

Von Anbeginn der Menschheit hat Gott Menschen gesegnet. Sein Zuspruch galt nicht nur einzelnen Personen wie Adam und Eva, Abraham, Isaak oder Mose. Gott segnet sein Volk und erneuert diesen Segen immer wieder. Auch in unserer heutigen Zeit wird am Ende des Gottesdienstes um den Segen gebetet. Und Gott erhört diese Bitte und spricht uns seinen Segen zu.

Der Herr segne dich und behüte ich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden!

Die Worte mögen Ihnen eine ganz persönliche Hilfe für den Weg sein, wenn Sie dann wieder im Alttag unterwegs sein werden. Denn der Segen Gottes ist die Zusicherung seiner Nähe – gerade dort im Alltag. Sein Angesicht leuchtet und erhellt meinen Weg. So ist es leichter, sich nicht zu verlaufen. Gottes Wegbegleitung führt in den Raum, in dem ich mich aufgenommen und angenommen fühlen kann.

Wer es schafft, Gottes Segen in sich aufzunehmen und ihn im Alttag wirken zu lassen, der erkennt Gott in allem, was er oder sie im eigenen Leben erfährt.

Das wünsche ich Ihnen auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten! Amen.

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Pfingstsonntag


Ansprache Pfingstsonntag 31. Mai 2020 zu Apg 1,8
Pfr. i.R. Dr. Martin Schneider

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

Pfingsten 2020, wir feiern den Geburtstag der Kirche und wir können nicht sagen, dass wir ihn fröhlich feiern, daran fehlt vieles. Es fehlen die Brüder und Schwestern, die mit uns feiern sollten, es fehlen die fröhlichen, festlichen Lieder. Und man sagt uns, wir müssten nun weiter mit diesem Virus leben und d.h. in der Ungewissheit und Angst.

Ja, das wird wohl so sein; wir müssen leben mit Krisen und sind nie abgesichert vor Katastrophen. Aber ist das nun wirklich neu und ist das alles? Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen, so heißt es in einem alten Lied. Das Leben in der Ungewissheit und Unsicherheit, das ist nicht neu, das teilen wir mit unseren Vätern und Müttern. Neu ist dagegen und für uns Christen unbedingt wichtig, wir kommen von Ostern her und wir leben in der Erwartung und mit der Erfahrung von Gottes Geist. Das ist das Neue und Entscheidende.

Das hören und erfahren wir von Christus unserem Herrn und daran sollten wir uns halten. Was er damals gesagt, gilt auch heute. Bei seinem letzten Beisammensein mit seinen Jüngern nach seiner Auferstehung sagte er: Ihr werdet die Kraft des Hl Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein.(Apg. 1, 8). Er hat es denen gesagt, die im Grunde noch immer geschockt waren von dem Erlebnis wenige Tage zuvor, als ihre ganze Hoffnung zusammenbrach, als sie ihren geliebten Meister Christus am Kreuz sahen. Gewiss, da war inzwischen Ostern gewesen und die unglaubliche Botschaft von seiner Auferstehung. Unglaublich, ja gewiss und so fühlten sie sich nicht in der Lage, von diesem gekreuzigten und in den Augen der Welt gescheiterten Jesus zu sagen, er sei der Sohn Gottes, der Retter der Menschheit. Zu viel sprach dagegen. Sie hatten nicht die Kraft dies öffentlich zu bekennen.

Auch wir spüren diese Schwäche; wie sollen wir der Welt deutlich machen, dass der Auferstandene der Sieger ist und bleibt, über alle Krisen und Katastrophen. Sind denn jetzt nicht andere Dinge wichtiger? Um das Virus zu besiegen braucht es Ärzte und Forscher, um die Kranken zu versorgen Pfleger, Helfer. Auch andere Berufe und Dienste geraten wieder in den Blick, alles was nötig ist, damit das Leben weitergeht. Gesundheit ist jetzt das Wichtigste, bleibt gesund, so grüßt man sich in diesen Tagen. Ist Gesundheit wirklich das höchste Gut? Es ist ein Gut, ein wichtiges Gut und es ist klar, was wir dafür tun können, das sollten wir tun. Aber Gesundheit ist nicht alles, wir dürfen nicht vergessen, unser Leben, das sind nicht nur die Tage und Jahre, an denen es uns gut geht. Das Leben, das ist ein Weg und sein Ziel ist nicht der Tod. Wir gehen, wir leben als Christen in der Erwartung des ewigen Lebens und wenn das ewige Leben in den Blick kommt – und das ist der letzte Satz im Glaubensbekenntnis der Kirche – dann wird alles andere davor, gute Zeiten, schwere Zeiten, Gesundheit und Krankheit, ja sogar der Tod relativ.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus und das lehrt uns Pfingsten im Coronajahr 2020 ist aktueller denn je. Die Not dieser Tage sollte uns lehren wieder neu darum zu bitten, dass die Kraft des Hl. Geistes uns erfüllt.

Denn dieser Geist, diese Kraft, sie überwindet die Distanz, sie verbindet. Die Kraft des Hl. Geistes, man kann sie nachverfolgen wenn man den Weg der Kirche verfolgt, wie in 2000 Jahren aus dem kleinen Häuflein der Jesus – eine weltweite Kirche geworden ist, zu der sich Millionen auch heute bekennen; Männer und Frauen, Menschen aus den verschiedensten Kulturen und Sprachen.

Die Kraft des Geistes überwindet die Distanz und sie verbindet. Das sollen alle wissen und erfahren. Ich denke an alle, die jetzt heute nicht dabei sein können, um sich oder andere nicht zu gefährden. Ich denke auch an jene, die Distanz und Abstand halten, wenn es um den Glauben geht. Sie haben Angst vor Veränderung. Das Risiko eines Lebens in der Nachfolge schreckt viele. Auch da wagen wir zu bitten: Komm Heiliger Geist . Amen.

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Exaudi


(von Pfarrer Rolf Weiß)
(Predigtext: Jeremia 31, 31 – 34)

Liebe Gemeinde,

wenn samstags die Glocken läuten, wissen wir normalerweise, dass in den Kirchen Hochzeiten stattfinden. Zwei Menschen sagen vor Gott „Ja!“ zueinander. Sie schließen den „Bund fürs Leben“, wie es auch heißt. Von einem ‚Bund fürs Leben’ ist auch im heutigen Predigttext die Rede, einem Bund, der sogar über das eigene Leben hinaus reicht:

Lesen wir Jer. 31, 31-34:

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,
32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;
33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den HERRN“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Ein berühmter, wunderbarer, aber auch höchst problembeladener Text, der uns zum heutigen Sonntag Exaudi als Predigttext empfohlen wird. Wir Christen haben ja immer wieder behauptet, diese Verheißung vom neuen Bund könne man erst von Jesus her richtig verstehen. Von dieser Interpretation her stammen auch die Ausdrücke ‚Altes’ und ‚Neues’ Testament. Allerdings überlesen wir dabei geflissentlich, dass in diesen Versen ausdrücklich Israel und Juda angesprochen werden. Und wir setzen mitunter unter der Hand voraus, dass bei einem neuen Bund, der alte nicht mehr gelte.

Mit dieser Verheißung vom neuen Bund zeigt der Prophet Jeremia am Ende seiner schrecklichen Laufbahn als Ansager des Gerichts für sein Volk Israel noch einen kleinen Schimmer einer allerdings überaus großen Hoffnung auf.

Wir Christen strecken diese Ansage gern auf Jesus Christus weiter, unserem Herrn der Kirche, und sagen, diese Verheißung sei mit Karfreitag, Ostern und Pfingsten erfüllt. Mit Jesus sei also die Zeit des neuen Bundes gekommen. Und wir können uns dabei in gewisser Weise sogar auf Jesus selbst berufen, auf die Überlieferung vom letzten Abendmahl, wo Jesus sagt: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“. Jetzt ist also Heilszeit!

Unsere jüdischen Geschwister würden vermutlich an dieser Stelle leidenschaftlich widersprechen. Sie würden mit gewissem Recht auf den realen Zustand der Welt und der Kirche verweisen und fragen: „Wo ist denn das Heil? Liebe Christinnen und Christen, bei allem Respekt, seht Euch doch Eure Kirche an und die Welt mit ihrem desolaten Zustand, der bestimmt ist von Hass, Krieg, Zerstörung und Tod! Nein, Jeremia hat etwas anderes gemeint. Gott hat etwas anderes durch ihn verheißen, etwas unendlich viel Größeres und Herrlicheres als das, was wir in der Welt derzeit miterleben.“

Vielleicht ist es ja ein heilsamer Stachel, der uns bei unseren Betrachtungen dieses Textes begleitet. Vielleicht bewahrt er uns auch vor falscher Selbstsicherheit und Überheblichkeit.

Wer das Prophetenbuch des Jeremia aufschlägt und liest, spürt bald die ganze Tragik seines Auftrags: Er muss einem halsstarrigen Volk den beschlossenen Untergang Jerusalems und seine Deportation nach Babylon ansagen. Dafür wird er angefeindet, ins Gefängnis geworfen, der Wehrkraftzersetzung und der Lüge angeklagt. Gern hätte er seinen göttlichen Auftrag einfach hingeschmissen.

Wir verstehen nur allzu gut, wenn er klagt (20,7-9): „Gottes Wort ist mir täglich zu Hohn und Spott geworden. Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Denn es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ Noch immer spüren wir beim Lesen dieser zweieinhalb Jahrtausende alten Texte die enorme seelische Belastung, unter der dieser Mann gestanden haben muss.

Er war ein betrübter Prophet, der in schweren Zeiten gelebt hat. Seine 40 Dienstjahre hat er mit Bravour gemeistert, wenn man bedenkt, mit was für halsstarrigen Leuten er es zu tun hatte. Immer schlimmer wurde es mit ih

nen. Sie haben ihn nicht nur eingebuchtet, sondern wollten ihn sogar umbringen.

Und nun also doch noch dieser helle Schein am Hoffnungshorizont: Einen neuen Bund wird Gott mit seinem Volk schließen. Drei Kennzeichen dieses neuen Bundes werden genannt:

1. „Ich werde mein Gesetz in ihr Herz schreiben“, sagt Gott. Es wird für die Menschen ein Herzensbedürfnis sein, nach Gottes Willen zu leben. Jeremia spricht offenbar von Menschen, die ohne Zwang aus sich heraus das Rechte tun und aus der Liebe leben. „Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“, so die Verheißung.

2. Keiner wird mehr den andern belehren.“ – Wir würden das heute vielleicht herrschaftsfreie Kommunikation nennen. Der neue Bund, das ist die Welt, in der keiner oben ist und die andern unten oder hinten. Keine Frontalsituation wie in manchen Schulen und vielen Kasernen und erst recht bei allen sozialen Konflikten. Der Chef wird den Mitarbeitenden gerecht, die Männer den Frauen, die Alten den Jungen. Jede/r hat ein Gespür für die Not der anderen und sucht nach gerechten Lösungen. Wird so die ‚Zeit nach Corona’ aussehen? Schließlich meinen doch viele, wir könnten aus der jetzigen Situation lernen!

3. „Ich will ihrer Sünden nicht mehr gedenken“, verspricht schließlich Gott. Das meint nicht bloß: Ich tilge ihre Strafpunkte in meiner himmlischen ‚Verkehrssünder-Kartei’. Das alte Israel hatte einen umfassenderen Schuldbegriff. Es ging um Frevel und seine Folgen: Zerstörte Beziehungen, zerstörte Leben, zerstörte Zukunft, zerstörte Würde und Freiheit. Gott verspricht Befreiung aus dem Teufelskreis, in dem alle Kinder, selbst die Ungeborenen, immer schon Opfer der Weltzerstörung und Schuld ihrer Eltern sind.

Also, dieser „neue Bund“ zielt auf eine wirklich menschliche Welt, in der die Liebe regiert, Gleichheit und Freiheit herrschen, und in der die Vergangenheit kein Strudel mehr ist, der immer mehr Zukunft in sich hineinreißt und zermalmt. In einer anderen Tradition wird solch eine Welt mit Shalom charakterisiert.

So gesehen müssen wir eigentlich zugeben: Unsere jüdischen Geschwister haben Recht. Dieses Reich ist noch nicht gekommen. In der Welt nicht, in der Kirche nicht, und wohl auch nicht in den Herzen vieler Menschen. – Und doch steht da Jesus am Vorabend seiner Kreuzigung, den Abendmahlskelch in der Hand und sagt: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut!“

Das ist kein Triumphgeschrei, sondern eher eine leise Stimme. Sie verspricht, dass die Liebe in der Welt ist und bleibt! Die Liebe, das Neue und Erneuernde, das Jeremia gesehen hat, die ansteckende Menschlichkeit ist in die Welt gekommen mit diesem Mann aus Nazareth. Sie ist kein Traum, sondern ein Stück wirkende Wirklichkeit geworden.

Heißt das: Jeremia und überhaupt das ganze Alte Testament als Geschichte der Verheißungen Gottes seien überholt?

Nein, nicht überholt, sondern bestätigt und bekräftigt sind sie durch Jesus Christus. Er hat kein Jota des Gesetzes aufgehoben, wie er selbst sagte. Wenngleich er sicher manches anders interpretiert hat als die Schriftgelehrten seiner Zeit.

Vor allem aber gilt: Auch Menschen anderer Völker haben die Möglichkeit der Teilhabe bekommen. Sie können mit von der Partie sein. Das ist das entscheidend Neue an Jesus Christus! Menschen, die diese Botschaft annehmen, werden in die Liebe Gottes mit aufgenommen. Und sie geben diese Liebe an andere Menschen weiter. Sie erzählen davon, sie handeln danach, sie lassen andere erfahren, was es bedeutet, wenn Gott sich in den Herzen festsetzt. Trotzdem bleibt das Volk Israel Gottes geliebtes Volk.

Gott hat seinen ersten Bund mit Noah zugunsten aller Menschen geschlossen. Der Regenbogen ist noch heute überall sichtbar. Die Verheißungen mit Abraham zielten auf Land und Nachkommen für das Volk Israel. Am Sinai erhielten sie von Gott die Gebote. Und bei Jeremia macht Gott deutlich: Er hält sich an sein Wort, auch wenn die äußeren Umstände anders aussehen. Er lässt sich nicht von seinem Wohlwollen abbringen, auch wenn die Antworten der Menschen liebevoller aussehen könnten. Gott lobt sogar einen neuen Bund aus. Die Menschen werden von sich aus unerschüttert nach Gottes Willen leben.

Es darf gehofft werden, liebe Gemeinde, die Liebe Gottes ist in der Welt und ist nicht klein zu kriegen!

Amen.

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Himmelfahrt


(von Pfarrer Rolf Weiß)
(Predigtext: Johannes 17, 20 – 26)

An Jesu Himmelfahrt, liebe Gemeinde,
da haben sich schon immer die Geister geschieden.
Es ist schade, dass dabei Himmel und Erde in unserem Verständnis soweit auseinandergerückt sind. In der Bibel gehören sie viel enger zusammen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, heißt es im allerersten Vers unserer Bibel. Himmel und Erde beschreiben als Zwillingspaar den Zusammenhang von Gottes guter Schöpfung. Lassen wir uns mit Versen aus dem Johannesevangelium heute auf diese Fährte setzen! Lesen Sie also jetzt als Predigttext für heute zum Himmelfahrtstag!

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,
21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind,
23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.
25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Dreimal spricht Jesus den himmlischen Vater in diesem Gebet an, das wir eben gehört haben. Es wird auch das Hohepriesterliche Gebet genannt. Dreimal wendet er sich an die Person, von der er alles erwartet, der er um alles in der Welt vertraut, der allein er alles zutraut: Seinen Vater.
Ich weiß, dass das Verständnis von Gott als „Vater“ heute nicht mehr so selbstverständlich ist. Und ich weiß auch, dass vielen Frauen das Bild von Gott als einem Mann Schwierigkeiten bereitet und darum nicht mehr so einfach über die Lippen geht. Nach allem jedoch, was ich von Gott weiß, tut es keinen Abbruch, wenn wir Gott nicht mit einem bestimmten Geschlecht in Verbindung bringen. Wichtiger ist vielmehr das Vertrauensverhältnis, das in seiner Anrufung ausgedrückt wird.
Wir wenden uns mit unserer Anrede an einen Gott, der uns nah ist, der sich vom Himmel zur Erde, zu den Menschen begeben hat. Darum gilt für jeden von uns: Wenn du zu diesem Gott „Vater“ sagst, dann darfst du gewiss sein, dass er für dich ist wie ein guter Vater oder eine gute Mutter.
– Wie ein Vater, der dir eine Aufgabe stellt und dich damit nicht alleine lässt.
– Wie eine Mutter, die dich auffordert zum Handeln, der du dein Handeln aber getrost – auch unvollkommen und halbfertig- wieder in den Schoß legen darfst.
Johannes geht es in dieser Abschiedsrede um die „Verherrlichung“ Jesu. Sein Leben und Wirken als Mensch in dieser Welt ist nicht alles gewesen. Es findet einen krönenden Abschluss. Es gab Jesus schon vor der Zeit, und es wird ihn nach der Zeit geben. Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die mit mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.
Wir tun uns wahrscheinlich leichter, wenn wir ‘Himmelfahrt’ beschreiben als „Jesu tritt wieder ein in die ‘Gotteswelt’“. Diese ist aber nicht irgendwo weit weg. Sondern das Reich Gottes ist mitten unter uns. Jesus verabschiedet sich. Aber wir wissen von ihm auch zuversichtlich: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Wie wäre das sonst? Wir lebten in einer „gottlosen“ Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Die Apostelgeschichte legt das durchaus nahe. Johannes dagegen hat Jesu Abschiedsrede vor seine Leidenszeit, vor die Passion, gestellt. Jesus bereitet damit seine Anhänger auf sein Weggehen vor. Gleichzeitig versichert er ihnen, dass sie nicht allein sein werden. Er verspricht ihnen den Tröster, den Heiligen Geist.

Jesu Abschiedsrede wird beendet mit dem inständigen Bittgebet, das heute Predigttext ist. Er schließt darin nicht nur seine Freundinnen und Freunde ein, sondern auch künftige Generationen und Menschen, die noch nicht zur Gemeinde gehören: Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien.
Ein Missionstext? Ein Ökumene- Papier? Auf jeden Fall weisen die Verse in die Zukunft, – in die Zukunft, die für uns mit Jesus Christus schon begonnen hat. Aller Welt soll die frohe Botschaft bekannt werden. Alle sollen sie hören und sie mit allen Sinnen erfahren. Johannes rechnet damit, dass die frohe Botschaft sozusagen „selbstredend“ wirkt. Sie findet Verbreitung, weil die anderen Leute von dem überzeugt werden, was die Christen da so machen – wie sie leben und lieben, wie sie beten und handeln.
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind,….., und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ Die Herrlichkeit ist die Einheit von Gott als Vater und Jesus als Sohn. Sie spiegelt die Liebe Gottes wieder. Die Christen untereinander sind also gedacht als Spiegelbild des innigen Verhältnisses von Gott und Christus.
In vielen deutschen Gemeinden wird in der Woche vor Pfingsten die ökumenische Gebetswoche zur Einheit der Christen begangen. Aber auch und gerade, wenn es keine Veranstaltung dazu gibt, können Sie dieses Anliegen dann ja besonders in Ihr Gebet aufnehmen!
Wir werden die Einheit der Kirche nicht herbeireden können. Wir werden sie nicht erzwingen können. Die Zeichen der Zeit deuten eher in die andere Richtung. Da müssen gerade wir Evangelischen uns mit den Zersplitterungen in unseren Reihen in die eigene Nase zwicken. Vielleicht werden wir die Einheit gar nicht mehr selbst erleben. Aber unser Hoffen und Trachten darf (oder soll ich vielleicht sogar sagen: muss?) trotzdem weiter in diese Richtung gehen!
Erste Schritte können wir auf jeden Fall selbst gehen. Und die fangen hier in der eigenen Gemeinde an. Sie beginnen bereits bei der Zusammenarbeit von Dürrenbüchig und Diedelsheim. Schon bei der sonst gewohnten Vielfalt der Gruppen, Kreise und Veranstaltungen ist es nicht immer ganz leicht, all die Interessen und die Personen, die dahinter stecken, unter einen Hut zu bringen, oder?!
Jede Gemeinde braucht Formen, die ihre Gemeinschaft ausdrücken und stärken. Sie braucht Raum auch für diejenigen, die sich durch den sonntäglichen „Normal- Gottesdienst“ nicht (mehr) angesprochen fühlen. Dafür gibt es normalerweise die Gottesdienste im Freien oder Familiengottesdienste oder Musik. Gemeinschaft in der Gemeinde kann hoffentlich bald wieder unterstrichen werden durch eine Tasse Tee oder Kaffee nach dem Gottesdienst.
Vielleicht drückt sich Einheit auch gar nicht so sehr in übereinstimmenden Lehrsätzen aus. Wenngleich gerade die Autoren der Barmer Theologischen Erklärung großen Wert auf Schrift gemäße Theologie gelegt haben. Die Erklärung wurde am 31. Mai 1934 verabschiedet. Sie finden sie im EG unter der Nr. 888.
Theologische Einförmigkeit oder die Gleichschaltung von Frömmigkeitsstilen kann nicht das Ziel sein! Vermutlich geht es heutzutage – im Angesicht der Welt- sogar viel dringlicher um gemeinsames Handeln. „Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“
Die Liebe Gottes ist die Richtschnur für unser Leben und Handeln. Jesus hat diese Liebe mit seinen Jüngern und seinen Begleiterinnen vorgelebt. In seiner Nachfolge sind sie und wir gehalten, diese Liebe unter den Menschen zu verbreiten.

Vielleicht kennen Sie dazu die folgende kleine Geschichte:

Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Profeten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit den köstlichsten Gerichten stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, dass sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Profeten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.
Daraufhin führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber sie waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht, sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig Essen zu geben. Dieser Raum war der Himmel.“

Mit solchen Löffeln haben wir es auch in der Welt oft zu tun. Wir dürfen nicht wieder zu einer Wegwerfüberproduktion zurückkehren. Wir brauchen eine gerechte Verteilung der Güter und Dienstleistungen und des Geldes auf dieser Erde. „Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.“ Jesus hat uns Gottes Liebe nahe gebracht. Der Ort, an dem Gottes Liebe Platz greifen soll, ist die Erde. Die Erde, mit allem, was auf ihr lebt.

Die Liebe Gottes führt uns also in die Wälder und an die Flüsse, in den Kraichgau mit seinen Hügeln und den Weinbergen, zu den Kindern und im bescheidenen Rahmen wieder zu den Alten, in die Fabriken und auf die Straßen, in die Werkhallen und Büros von Neff, ins Lebenshaus in Unteröwisheim und zu den Obdachlosen auf dem Karlsruher Bahnhof.

Seine Liebe lässt nichts aus, sie geht an keinem vorbei. Sie umfasst die entferntesten Inseln und die tiefsten Meere; die Menschen anderen Glaubens und die aus anderen Völkern. Darin erweist sich die Liebe Gottes als wahrhaft ökumenisch: Sie stellt uns alle hinein in den weltweiten Horizont Gottes.

Jesus kehrt zu seinem Vater, dem Ursprung aller Liebe zurück. Wir haben in der Welt seine Nachfolge angetreten. Einigkeit und Liebe kennzeichnen diesen Auftrag und diese Verheißung. Dafür danken wir in jedem Gottesdienst. Lassen Sie uns den Himmel verstehen als Horizont des Lebens!

Gott lebt nicht in einem weit entfernten Himmel – irgendwo hinter den Sternen, sondern der Himmel ist da, wo Gott wirkt.  Amen.

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Rogate


(von Pfarrer Rolf Weiß)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes sei mit uns allen!
Amen.

(Matthäus 6, 5 – 13)
5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn asie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
9 Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
11 Unser tägliches BrotA gib uns heute. [Wörtlich: „das Brot für morgen“.]
12 Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. [Wörtlich: „Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldigern“.]
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. [Amen.]

»Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern.« Das gilt auch für die Predigt zum Sonntag Rogate, dem »Tag des Betens«. Ist es überhaupt sinnvoll, in einer Predigt über das Beten zu reden. Und was gäbe es alles rund ums Beten zu sagen und zu fragen …

Wie gut, dass es heute nur um Eines gehen soll: Das Vaterunser. Jesus selbst hat es gelehrt. Lukas und Matthäus – von ihm stammt die obige Fassung – haben es aufgeschrieben. Und, nur etwas verändert, beten wir ChristInnen seit etwa 1.500 Jahren genau so, wie es uns Christus ans Herz gelegt hat. Das Vaterunser ist das »Gebet der Gebete«. Bis heute klingt es über alle Enden der Erde. Es ist universal, ökumenisch und auch bei uns fehlt es in keinem Gottesdienst.

So wenig heute viele Menschen vom Christentum wissen mögen, das Vaterunser kennen die meisten noch. Kein Wunder. Es ist ein schönes Gebet, weil so viel Leben darin enthalten ist. Es ist verdichtet wie ein Gedicht, geläufig wie eine Melodie. Darum lässt sich es sich einfach so beten, ohne dabei denken zu müssen. Das ist gut so. Wir brauchen selbstverständliche Worte. Aber es ist auch gut, die Worte ab und an neu begreifen zu lernen.

Denn das schöne Vaterunser kann auch ein schlimmes Gebet werden. Wenn es stets nur heruntergeleiert wird, ohne Herz. Schon Martin Luther schrieb: »Das Vaterunser ist der größte Märtyrer auf Erden. Es ist ein Jammer, dass ein solches Gebet so ohne Andacht zerplappert und zerklappert werden soll in aller Welt. Viele beten in einem Jahr vielleicht tausend Vater Unser, und wenn sie tausend Jahre so beten würden, so hätten sie doch noch keinen Buchstaben davon verschmecket.«

Dabei, so behauptet Luther, lässt sich dieses Gebet tatsächlich schmecken – er selbst »sauge« immer wieder daran. Ich möchte das heute gerne mit Ihnen versuchen, das Vaterunser ein wenig zu verkosten. Mit einigen Worten von mir und mit ihren eigenen Gedanken in der Stille. Wir wollen es nicht zerklappern und zerplappern, sondern es bedächtig entlanggehen, meditieren, auskosten.

Vater unser im Himmel
Vater bist du, Gott Jesu. Kein Herrscher. Kein Despot. Nicht ungreifbar, unnahbar. Ein Vater, der seinen Sohn, seine Tochter liebt. Zum Greifen nahe. Vater bist du. Auch wie eine Mutter beschreibt dich die Bibel. Vater, Mutter, Eltern – im Himmel. Wo aber ist der Himmel? Der Wolkenhimmel über mir? Eher schon der spürbare Himmel in mir. Himmel ist überall, wo du bist, Gott. Nahe bei mir, zwischen uns, zwischen dieser und jener Welt. Wie kann ich dich spüren?
Vater unser im Himmel…

Dein Name werde geheiligt
»O mein Gott« – »Wie kannst du das zulassen?« – »Gott steh uns bei«: In der Not geht dein Name schnell über die Lippen. Wie leicht ist es, nach dir zu rufen, um zu klagen und dich anzuklagen. Bei jedem Unheil. Und ich darf auch klagen. Doch wie selten nenne ich deinen Namen, wenn alles heil ist und gut. Wie schwer ist es, dich und deinen Namen zu loben, zu ehren, zu heiligen. Zu spüren, wie heilig, heilbringend, segnend du bist. Wie kann ich dich loben?
Dein Name werde geheiligt …

Dein Reich komme
Deine Gerechtigkeit, dein Friede. Nichts lieber als das. Und nichts ferner als das. Dein Reich ist nicht von dieser Welt. Hier herrschen Krieg und Unrecht. Amerika und Afghanistan, Israel und Palästina, Irak … Wo ist dein Reich, woher soll es kommen? Enttäuschte Erwartung.
Und dennoch: Nichts anderes bleibt. Nichts als genau darauf zu warten, darauf zuzugehen, auf dieses Friedensreich. Es hat ja schon angefangen, mit Jesus, den Jüngerinnen, den ersten Christen und mit uns. Dein Reich auf dieser Welt. Es beginnt, wo ich beginne … Wo kann ich anfangen?
Dein Reich komme …

Dein Wille geschehe
Soll das dein Wille sein? Kriege, Krisen, Krankheit, Arbeitslosigkeit? Ist es dein Wille, wenn ich leiden muss und andere und alle Kreatur? Nein, dein Wille ist nicht das Leid sondern die Liebe. Dieser Wille soll geschehen. Dein Liebeswille. Durch mich kann er geschehen. Einen freien Willen hast du mir gegeben. Und die Bibel sagt tausendfach, was du von mir willst. Zum Beispiel Micha: »Es ist dir gesagt, Mensch, was Gott von dir fordert – Liebe üben …« Was willst du von mir?
Dein Wille geschehe – überall, im Himmel wie auf Erden …

Unser täglich Brot gib uns heute
Wer hungert, muss um Brot beten. Zu viele, die das täglich tun, die ums Überleben bitten und betteln müssen. Ich habe Brot und viel mehr als das. Lebensmittel im Überfluss. Luxusmittel.
Und doch habe ich Hunger. Nach dem, was ich noch zum Leben brauche. »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …« Ich lebe von so vielem mehr. Von einem liebevollen Wort. Von Zuneigung und Zärtlichkeit. Gerade jetzt wird das besonders erfahrbar, wo wir uns nicht zu nahe kommen sollen. Was brauche ich zum Leben?
Unser täglich Brot gib uns heute …

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
»Der, die ist schuld«, das sage ich gerne – »Ich bin schuld«, nur ungern. Wer steht schon gerne ein für das, was er getan hat, jemandem angetan? Wer will schuld sein, wenn jemand verletzt wird mit Worten und Taten? Wer ist schuld an Terror und Krieg? Schuld sind immer die anderen. Doch wenn ich ständig sage: »Der ist schuld oder die …« dann gebe ich Schuld nur weiter. Erst wenn ich sagen kann: »Ich habe Schuld« kann sie mir jemand abnehmen. So mach mich frei, um andere zu befreien. Wem habe ich zu vergeben?
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung
Kannst du mich in die Irre führen, in Gefahr bringen wollen? Manchmal kommt es mir so vor. Da reitet mich der Teufel, wie Jesus in der Wüste. Dann bin ich versucht, mich auszuleben, ohne Regeln. Alles im Leben mitzunehmen, ohne Rücksicht. Manchmal gehe ich in die Irre, wie der verlorene Sohn. Und du lässt mich gehen, lässt mich gewähren. Führst mich da nicht hinein, aber auch nicht heraus. Nur wenn ich dich darum bitte, dann bist du da. Darum führe mich nicht in Versuchung, aber führe mich in der Versuchung. Lass mich Wege, Irrwege und Rückwege finden wie eine verlorene Tochter. Wie ein verlorener Sohn. Wie finde ich zu dir?
Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen
Wie erlösend wäre es, den Irrwegen, den Gefahren, dem Bösen öfter widerstehen zu können. Erlöse mich. Mach mich los – von dem Bösen in mir, in dem, was ich so dahinsage und anderen antue. Mach mich los – von dem Bösen, das mir angetan wird und mir begegnet. Mach alle Menschen los, von Bosheit, Lüge und Gewalt. Wie befreie ich das Gute in mir?
Erlöse uns von dem Bösen …

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Dieser Vers ist ein Abschluss nach jüdischer Sitte. Die Gemeinde bestätigt die Bitten des Vorbeters. Die 7 Bitten des Vaterunser kann ich nur vor einen Schöpfer bringen, von dem ich weiß und spüre: Gottes Bereich erstreckt sich über diese und jene Welt, seine Kraft geht über alle Menschenkräfte, ihre Herrlichkeit geht über alle Menschenherrlichkeit. So bekennen es Menschen seit langer Zeit und an allen Enden der Erde.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

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Kantate


(von Pfarrer Rolf Weiß)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

(2. Chronik 5)
2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.
4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
6 Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte.
7 So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den innersten Raum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim,
8 dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her.
9 Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Allerheiligsten sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag.
10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte -,
12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN,
14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
[aus: Deeg/ Schüle, die neuen alttestamentlichen Perikopentexte]

Liebe Gemeinde,
es ist ein wahrer Festtag: Heute dürfen die Kirchen wieder öffnen und öffentlich zum Gottesdienst einladen. Wir machen das zwar für unsere Gemeinden erst in der kommenden Woche, damit wir die geforderten Schutzkonzepte umsetzen können. Aber der Predigttext gibt uns einen Einblick in das festliche Verhalten, das mit der Eröffnung eines Tempels, eines Gotteshauses, einhergeht. Der riesige Chor entspricht ein wenig dem Chor der Kantorinnen und Kantoren, die sich in Baden heute virtuell zu einem großen Chor versammeln. Sie können sich im Internet dazu einklinken.
Der Predigtext nimmt uns mit hinein in die Feierlichkeiten um den Tempel, der unter dem König Salomo erbaut wurde. Das ist nicht der einzige Bericht über dieses Ereignis, den wir in der Bibel finden können. Auch in 1. Könige 8, 1-11 wird davon erzählt. Das gleiche Ereignis wird mit kleinen, aber feinen Unterschieden überliefert.

Der zentrale Akt des Geschehens ist die Überführung der Bundeslade in den Tempel, ja in sein Allerheiligstes. Das war ein abgelegener Raum am hinteren Ende des Tempelgebäudes, das über Stufen erreicht werden konnte. Wir wissen, dass das Allerheiligste durch einen Vorhang abgetrennt war. Dieser wird in den vorliegenden Versen allerdings nicht erwähnt.
Vielmehr wird hier gesagt, dass man von außen die Bundeslade sehen konnte. Allerdings waren deren Tragestangen so lang, dass ihre Enden rechts und links durch den verengten Übergang ins Allerheiligste für die Blicke der Menschen wie abgeschnitten waren.
Solche Details spielen eine Rolle, weil die Beschreibung des Heiligtums immer auch mit der Sichtbarkeit Gottes verbunden ist. Gott ist anwesend an diesem Ort, das wollen diese Texte sagen.
Was man von Gott sehen kann, wie sich Gott zeigt, und wie er sich gleichzeitig verhüllt, darüber gibt es allerdings bereits im Ersten Testament der Bibel selbst sehr unterschiedliche Vorstellungen. So kann auch Jesaja in seiner Berufungsvision zwar sagen, er habe Gott gesehen. Auch dort steht das Allerheiligste offen. Gleichzeitig ist Gott aber von Feuer und Rauch eingehüllt und so eigentlich unsichtbar.
Für den vorliegenden Tempelweihbericht ist zunächst die Bundeslade, einschließlich der darauf angebrachten Engelsfiguren, der Cherubim, der zentrale Kultgegenstand. Darin befinden sich die beiden Gebotstafeln, die Moses am Berg Sinai empfangen hatte.
1. Könige 8 gibt die ‚Regie’ für die Durchführung der Prozession wieder, durch die die Bundeslade an ihren Bestimmungsort gelangt. Salomo und die Ältesten versammeln sich, um die Lade, die bis dahin in einer ‚Abstellkammer’ des Königspalastes untergebracht war, zum Tempel hinauf zu begleiten.
Dabei wird auch die alte Stiftshütte, einschließlich der Kultgegenstände mitgenommen. Es geht insofern um einen ganz kniffligen, ja: einen neuralgischen Übergang: Die Stiftshütte als das tragbare Heiligtum, das Israel zurzeit der Wüstenwanderung und des Sesshaftwerdens begleitet hatte, wird nun außer Dienst gestellt. Der Salomonische Tempel tritt an seine Stelle. Aber auch dieser Tempel soll nichts anderes sein als das, was auch die Stiftshütte war: Nämlich der Ort, an dem Israel seinem Gott begegnet. Erst damit ist nun der lange Weg vom Sinai zum Zion abgeschlossen.

Das letzte Stück des Weges in den Tempel hinein ist den Priestern vorbehalten, die die Bundeslade im Allerheiligsten absetzen. Dann verlassen sie das Tempelinnere, woraufhin genau das geschieht, was auch die Stiftshütte während der Zeit in der Wüste zum legitimen Heiligtum gemacht hatte: Die Herrlichkeit Gottes erfüllt den Tempel, nimmt also gleichsam von ihm Besitz. Während dieser Zeitspanne können die Priester allerdings nicht ins Tempelinnere zurückkehren und ihren Dienst versehen. So musste einst schon Mose draußen warten, bis Gott sich wieder vom irdischen in sein himmlisches Heiligtum erhob (Ex. 40, 35)

Diese Regieanweisung aus den Königsbüchern wird nun von den Chronisten weitergeführt. Dabei weiten sie sie an verschiedenen Stellen aus. Hierbei fällt zunächst auf, dass es nun zwei Gruppen von Tempelbediensteten gibt: Neben die Priester treten die Leviten, die eher eine untergeordnete aber trotzdem wichtige Rolle einnehmen. Sie tragen die Bundeslade zum Tempel. Erst dort wird sie dann von den Priestern übernommen und ins Allerheiligste gebracht. Es lässt sich vermuten, dass die Chronisten diesen Leviten besonders nahe standen und vielleicht sogar selbst zu dieser Gruppe gehörten. Fast eine Konkurrenzsituation zwischen Priestern und Leviten lässt sich vermuten, wenn die Gruppe der Priester in Vers 11 als ein einigermaßen ‚ungeordneter Haufe’ dargestellt wird.

Neu hinzu kommt außer dieser Arbeitsteilung von ‚Berufsgruppen’, dass die Tempelweihe als ein „Klangereignis“ dargestellt wird. Den Priestern wird als Instrument der Schofar zugewiesen, ein Blasinstrument, das aus dem Gehörn des Widders hergestellt wird. Das erinnert an Ex. 19, 16 & 19, wo der Schofar die erste Gottesbegegnung Israels begleitete. Was Israel damals hörte, war der Klang dieses Horns – und gleichsam damit verwoben die Stimme Gottes. Allerdings ist der Schofar eher als militärisches Instrument oder als Signalhorn zu verstehen.
Durch die Leviten wird dieser Klang nun angefüllt. Denn unter ihnen sind Sänger und Musikanten, die Saiten- und Schlaginstrumente spielen.
Es wird hier geradezu als Wunder dargestellt, dass alle Instrumente und Gesänge zu einem Klang verschmelzen. In diesen Klang fließt die vorgelesene Gnadenformel aus Psalm 106 ein: Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“. Instrumente, Gesang und Verkündigung des Wortes werden eins und bilden wahres Gotteslob ab. Ein perfekter Gottesdienst zum Sonntag Kantate.
Es geht noch um etwas mehr als um eine perfekte Aufführung. Die Herrlichkeit Gottes steht in enger Verbindung mit Wort und Musik im Gottesdienst. Gott wendet sich den Menschen zu, wir antworten ihm mit Lob und Dank. Ja, Gott und die Menschen treten im Gottesdienst geradezu in einen Dialog. Wort und Musik dienen beide der Verherrlichung Gottes, der die Menschen anspricht.
Im Gottesdienst hätten wir heute sicher den Psalm 98 gebetet und das Lied 288, vor allem die Verse 1, 4 und 5 gesungen. Lesen Sie dort ruhig nach. Dann werden diese Gedanken noch abgerundet. Und vielleicht haben Sie anschließend noch Muße für eine entsprechende Bach- Kantate…
Amen.

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Jubilate


Predigt zu Johannes 1 5,1 -8
(Autorin der Predigt ist Katharina Bühling / Werkstatt für Liturgie und Predigt, Mai 2003, S. 107/108

1.
Weinstock, Reben – Lebens-Bilder tauchen auf bei diesen Worten: verheißungsvoll grünende Weinberge in der Frühsommersonne; die saftig-süße Frucht der Trauben, die belebende Frische des Weines lässt sich geradezu schmecken.
Doch kaum sind die Geschmacksnerven angenehm gereizt, mischt sich sogleich ein säuerlicher Beigeschmack hinein. Ein befremdlicher Johannes-Jesus, der mit der Rebschere Gottes droht, die allem den Garaus machen wird, was nicht Frucht bringt. Beklemmend-einschüchternd macht er seinen Hörern ihr totales Angewiesensein bewusst: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“.

Im Frühjahr muss der Weingärtner die Reben ausschneiden, reinigen, um Platz und Kraft zu schaffen für neue Fruchtansätze. Alles, was nichts bringt, ist nur im Weg, stört das Austreiben und Wachsen der fruchtbaren Reben. Ein vertrautes Beispiel aus dem Alltag der Bauern – verständlich für jedermann. Was jeder Weinbauer alle Jahre wieder für einen reichen Ertrag unternimmt, nutzt Jesus, um darzustellen, wie er und die Seinen zusammenhängen und zusammengehören: dass eine christliche Gemeinde nichts sein kann ohne ihn. Die Rebe muss bleiben im Weinstock, sonst bringt sie nichts, sondern wird abgeschnitten vom Lebenssaft, verdorrt und landet auf dem Müll.
,lhr seid schon rein durch das, was ich euch gesagt habe ihr müsst keine Sorge vor der Rebschere haben.‘ Bei den Seinen sind die notwendigen Voraussetzungen schon erfüllt, schmerzlos – allein durch sein Wort. Wenngleich dieser Zuspruch die unmittelbaren Hörer entlasten mag – das Gefühl der Abhängigkeit bleibt: Ihr seid nichts ohne mich, ihr die Reben! Wenn ihr abgeschnitten werdet, wenn ihr nichts bringt, wenn ihr nicht mit mir, dem Weinstock, verbunden bleibt, seid ihr nichts und zum Abfall verdammt, „denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

2.
Können Menschen ohne Jesus Christus wirklich nichts tun?
Worte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft im Tegeler Gefängnis rebellieren in mir dagegen an. Selbst zu Hilflosigkeit und Untätigkeit verdammt, hat er bei Christen die ehrliche Einsicht angemahnt, dass wir mit unserem Leben fertig werden müssen ohne Gott. Ja, dass Gott selbst die Seinen zu dieser Einsicht zwingt, indem er mit ihnen ist dadurch, dass er sie verlässt und sich ohnmächtig ans Kreuz schlagen lässt. Nur so – ohnmächtig und schwach ist Gott bei uns, hilft uns und ermutigt zum mündigen Leben. In der Schöpfungsgeschichte im 1. Mosebuch überträgt Gott den Menschen bedingungslos die Verantwortung für das Leben in der Welt. Nicht eingeschüchterte Abhängige, sondern mündige, verantwortungsbewusste Partnerinnen und Partner möchte Gott. Und genau dies traut er ihnen auch zu: dass wir uns sorgen und nach Kräften einsetzen für die uns von Gott anvertraute Welt. Beispiele der jüngsten Zeit machen dies so offenkundig: Menschen sind in der Lage, verantwortungsbewusst, mitmenschlich und sinnvoll ihr Leben zu führen, auch ohne einen einzigen gläubigen Gedanken, ohne überhaupt von einem Gott, geschweige denn von einer Weinstock-Reben-Verbindung mit Christus zu wissen.
Die Bilder seinerzeit aus den Hochwassergebieten im eher kirchenfernen Osten Deutschlands zeigten für mich auf hoffnungsvolle Weise, wie viel gute Frucht Menschen als Nachbarinnen und Nachbarn, als Mitbürger und Mitbürgerinnen bringen, einfach dadurch, dass sie füreinander wahre Menschen und das heißt menschlich da sind. Wie viel tausend Männer, Frauen und Kinder, Alt und Jung waren tage- und nächtelang füreinander tatkräftig im Einsatz, um die Folgen der zerstörerischen Wasserfluten so gut wie möglich einzudämmen. Wie viele Millionen Sandsäcke wurden geschleppt, wie viele Schuttberge danach im Miteinander wieder abgetragen, um gemeinsam wieder ein Stück Leben, ein Stück Hoffnung zu gewinnen – ganz abgesehen von der dann einsetzenden Spendenwelle, die durch das Land ging!
Ohne mich könnt ihr nichts tun?

3.
Spiegelt sich in diesen lähmenden, bedrohlichen Worten nicht eher die Angst? Die Angst der Gemeinden in der Bedrängnis der johanneischen Zeit im nördlichen Palästina vor einem zweifelnden, kraftlosen Christentum: Christen werden verfolgt im Römischen Reich. Jüdisch gebliebene und christlich gewordene Gemeinden begegnen einander als Feinde. Die Situation ist bedrängend. Da braucht es Worte gegen die Angst, gegen die Angst vor Austritten und Übertritten – zurück ins Judentum oder in andere verheißungsvollere Gemeinschaften. Dieses beharrliche „Ich bin der wahre Weinstock“ will das uralte Bild des Weinstocks heraufbeschwören, das in der jüdischen Tradition wohlbekannt ist. Im Ersten Testament wurde so Gottes geliebtes Volk Israel bezeichnet. Nun will Johannes mithilfe dieses Bildes Ubertritte von Gemeindemitgliedern zur unmöglichen Möglichkeit erklären. Hier in der christlichen Gemeinde sei das wahre Israel – wer Christus verlässt, sei draußen, stelle sich selbst ins Abseits, sein Leben bliebe ohne Ertrag und Gott hätte keine Freude daran. Judenfeindliche Ressentiments durchsetzt mit Drohen und Drängen. Eine befremdliche, abstoßende Art der Gemeindewerbung, in der sich für mich der Gott der Bibel, der fürsorgliche Weingärtner, der sich auch durch Zorn und Enttäuschung hindurch unablässig liebevoll müht um seinen Weinberg, um sein Volk, nicht finden lässt.

4.
Spuren kann ich erahnen dort, wo es um das Fruchtbringen geht, um das wirksame Tun, das ganz oben steht in Jesu Worten. Es kommt darauf an, was man aus seinem Leben macht, dass „ihr viel Frucht bringt“, sagt der Johannes-Jesus. Auf’s Tun kommt es an. Im Tun kommt Christus zum Tragen. „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt.“ Jesus selbst hat so gelebt als wacher, verantwortlicher Mensch, dessen Worte nie ohne Leben, nie ohne Taten blieben, als mitfühlender, empfindsamer Mensch, der die Not seiner Mitmenschen wahrgenommen hat. Der getan hat, was Not tat, was Menschen aufhilft zum Leben. An solchem Tun hat Gott Freude, wenn einer dem anderen wahrhaft zum Christus wird.
Wo Menschen sich als Mitmenschen, Nachbarn und Mitbürger verstehen und wahrnehmen, wo Beistand und Hilfe Not tut – da kommt Christus zum Tragen. Dieses Tun trägt er, trägt er mit. Ob einer nun Christ ist oder nicht, ob eine sich als gläubig bezeichnet oder nicht, ob Menschen überhaupt von dieser Weinstock-Reben-Verbindung mit Christus je gehört haben und wissen – wenn einer, wenn eine tut, was Not tut, ist er da mit drin, mit dabei, ja geradezu selbst in Aktion. In einem solchen Tun lässt sich die Frucht des Lebenssaftes schmecken und spüren, die Menschen mit diesem wahren Weinstock, dem Holz des Kreuzes verbindet: Ein mündiges, selbst verantwortliches, beherztes Tun, das aufhilft zum Leben. Nein, das ist kein Aufruf zu atemlosem Aktionismus. Aus der neu gewonnenen Perspektive liest sich auch der Aufruf zum Bleiben neu: Bleiben bei dem, was mich ausmacht als Mensch, verwachsen, verbunden bleiben mit dem Strom Leben schaffender Menschlichkeit. Ich muss nicht erst glauben, oder Gott und Christus im Munde führen, bevor mein Leben etwas gilt. Ganz und gar Mensch bleiben und immer wieder Mensch, menschlich, mitmenschlich werden: das ist unendlich viel Frucht. Daran freut sich Gott.
Was aufhilft zum Leben, das sind ja meist gar nicht die Früchte mit 100 Öchsle-Grad, sondern genau das, was wir vermögen mit unserer kleinen Kraft und wozu wir in der Lage sind. Gerade die kleinen Früchte schmecken am besten. In ihnen konzentriert sich die ganze Kraft: Hinhören, zuhören, wachsam bleiben; mittragen, mitschleppen, miträumen, wo Lasten zu schwer werden und niederdrücken da sein, bereit sein, empfindsam bleiben und immer wieder werden für die, die mit mir, neben mir – und gegen mich sind. Wir können viel tun mit unserer kleinen Kraft. Wo eine dem anderen ein heilsamer Mitmensch wird, nimmt Christus Gestalt an. Da kann man die Frucht des Weinstocks sehen und schmecken und Leben blüht auf.

Amen.

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Misericordias Domini

(von Pfarrer Rolf Weiß)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

(Predigtext: 1. Petrusbrief, Kapitel 2, Verse 10 – 25)
19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott Übel erträgt und Unrecht leidet.
20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, ist dies Gnade bei Gott.
21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;
22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheim stellte, der gerecht richtet;
24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Liebe Gemeinde,

ein kleiner Junge kommt heulend ins Wohnzimmer gerannt. Der Vater legt ihm seine Hände auf die Schultern und sagt mit tiefer Stimme: „Aber Thomas, ein Junge weint doch nicht.“

Ein kleines Beispiel aus unseren Tagen, das vielleicht deutlich machen kann, warum der heutige Predigttext für uns beim ersten Lesen so schwer verständlich ist. Es gibt Erfahrungen, die mit dem Wandel der Verhältnisse und der Gesellschaft zusammenhängen, mit den Veränderungen gegenüber der Zeit, in der der 1. Petrusbrief geschrieben wurde.

Der Junge weiß noch nichts von der zweifelhaften Unterscheidung in das so genannte „starke“ und das so genannte „schwache“ Geschlecht. Aber er wird zum Starksein erzogen. Nur ja keine Schwäche zeigen heißt die Devise. Das ist aber etwas anderes, als im Predigttext angesprochen wird.

Das Wort „leiden“ wird in unserer Sprache oft verniedlicht, verharmlost. Wer wird schon behaupten wollen, ein Schnupfen sei ein echtes Leiden im Vergleich etwa mit einer langwierigen Krankheit. Sicher, der Kopf dröhnt, die Augen tränen, der Verbrauch an Papiertaschentüchern steigt enorm. Aber ist das „leiden“? Nein, wohl eher nicht. Eher schon die Angst, dahinter könnte sich eine Corona- Infektion verbergen.

Heißt das nun gleichzeitig, dass wir mit dem Wort „Leid“ nichts mehr anfangen können, weil es etwa kein Leid mehr gäbe bei uns? Nein, natürlich nicht! Ich kann mir vorstellen, dass viele von Ihnen schon sehr persönlich mit Leid in Berührung gekommen sind.

Und das, liebe Gemeinde, deutet auf einen größeren Zusammenhang hin. Das Leid steht bei uns nicht mehr im Mittelpunkt. Wir schieben es lieber an den Rand. Wir verdrängen es geradezu aus unserem Blick. Das zeigen ja auch die vielen Hilferufe nach irgendeinem „Rettungsschirm“ aus Steuergeldern.

Früher in den Großfamilien war das anders“, hat mir einmal die Großmutter eines Konfirmanden erzählt. Sie hat sicher Recht damit. Da haben die Kinder ganz direkt mitbekommen, wenn es die Oma oder der Opa manchmal vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten haben. Oder sie waren dabei, als sie gestorben sind. Heute sterben die Menschen in der Regel im Krankenhaus oder im Pflegeheim.

Auch andere ganz elementare Erfahrungen mit Leid machen wir nicht mehr. Ich denke an Hunger oder Durst. Ich denke an das Frieren im Winter, weil wir kein Dach über dem Kopf hätten.

Im Bezug auf das Leiden anderer Menschen möchte ich Ihnen mit dem 1. Petrusbrief zusprechen: Leiden Sie an dem Unrecht an anderen Menschen mit, weil auch Jesus am Unrecht litt. Er wird Ihnen Kraft geben, dass sie damit für Gerechtigkeit leben. Nur, wer wirklich tiefes Mitgefühl empfindet, kann auch von Grund auf getröstet werden. Dann kann daraus das Vermögen erwachsen, mit dem Zukunft gestaltet werden kann.

Wir dürfen das Leid nicht einfach vergessen oder ausblenden wollen. Auch das nicht, worunter ich selbst leide oder gelitten habe. Wenn wir es nur beiseite schieben, verdrängen, dann wird es eines Tages wiederkommen.

Sicher, wir dürfen froh sein, wenn es uns gut geht. Durch Corona haben sich die Maßstäbe und Befindlichkeiten verschoben. Ob es uns gut oder schlecht geht, würden viele Menschen heute anders beschreiben als noch zu Beginn des Jahres. Wir dürfen aber auf alle Fälle alle froh sein, wenn es uns nicht so geht wie den ersten Christen, an die der 1. Petrusbrief gerichtet ist. Sie waren in ihrer Gesellschaft damals eine Minderheit. Ja, sie wurden sogar verfolgt, weil sie sich nicht an die Spielregeln ihrer Zeit gehalten haben.

Ertragt das Übel und leidet das Unrecht“ wird da an eine der ersten christlichen Gemeinden geschrieben. Ist das nicht ein Hohn? Ist es nicht zumindest ärgerlich, was da zugemutet wird?

Der Verfasser des Schreibens begründet das mit dem Vorbild, das Jesus gegeben hat. Als er geschmäht wurde, hat er nicht mit Schmähungen geantwortet. Als ihm gedroht wurde und er litt, hat er nicht mit Drohungen geantwortet. Er hat nicht versucht, sich mit Gewalt durchzusetzen.

Es ist sicher nicht einfach, sich an diesem Vorbild auszurichten. Die Leidenden werden darum ermutigt. Sie werden an Ostern erinnert. Ostern feiern die Christinnen und Christen ja als das Fest des Lebens – als den Sieg über Leiden und Tod.

Christus hat am Kreuz stellvertretend gelitten – auch für uns! Sein Tod war kein Selbstzweck. Sein Leiden erfolgte nicht um des Leidens willen. „Durch seine Wunden seid Ihr heil geworden“, heißt es im Predigttext. Und gerade dadurch, liebe Gemeinde – so paradox das für uns auch immer wieder klingen mag – gerade dadurch hat es auch einen Sinn, in seine Fußstapfen zu treten, Jesu Vorbild nachzufolgen.

Wenn wir diesen seinen Spuren folgen, merken wir sehr schnell, dass er gerade nicht Leiden verbreitet hat. Er hat sich um Ausgestoßene gekümmert, um Menschen am Rand der Gesellschaft. Er hat Kranke geheilt, ja sogar Tote auferweckt. Er hat sich ganz auf die Leidenden eingelassen. Aber er hat die gesellschaftlichen Unterschiede noch nicht aufgehoben. Und er hat nicht alle Kranken geheilt. Ja, er wurde sogar selbst zum Leidenden und hat sich hinrichten lassen. Das Reich Gottes wird erst noch vollendet werden.

Und vergessen wir eine ganz wichtige Spur in seinem Leben nicht. Es ist eine Spur, die vor seinem Tod beginnt, eine Spur, die nach seiner Auferweckung weiterführt. Er hat Menschen in seine Nachfolge gerufen, in seine Fußstapfen sozusagen.

Sie sind beauftragt, seine Botschaft vom Reich Gottes weiter zu erzählen. Alle Menschen sollen in diese Gemeinschaft mit hinein genommen werden. Wer getauft ist, soll sein Leben an ihm ausrichten können.

In diesem Sinn spricht der 1. Petrusbrief vom Vorbild Christi. Und möglich wird solche Nachfolge durch sein stellvertretendes Leiden am Kreuz. „Damit wir der Gerechtigkeit leben“, wie es im Text heißt.

Liebe Gemeinde, in diesem Briefabschnitt wird also nicht das Leiden verherrlicht. Es wird nicht so getan, als ob es nicht Schöneres auf der Welt gäbe. Aber es wird auch nicht verharmlost oder verdrängt. Es wird nicht so getan, als ob es kein Leiden gäbe auf der Welt.

Mit der Erinnerung an Christus wird dazu ermutigt, sich dem Leid zu stellen, es wahrzunehmen. „Wahrnehmen“ meine ich jetzt ganz in seiner doppelten Bedeutung: „für wahr nehmen“ und es „sehen“. Beides ist auch heute wichtig. Beides kann uns auch heute helfen.

Auch in unserer hoch entwickelten Gesellschaft gibt es Leid. Am deutlichsten sichtbar wird das für die meisten von uns am Beispiel einer Krankheit. Jede und jeder von uns kann von einem Moment auf den anderen krank werden. Das war vor Corona schon so, und das wird wohl auch hinterher so bleiben. Oder wir werden völlig unverschuldet in einen Unfall verwickelt. Apparate und Medizin mögen dann Schmerzen lindern können, aber das Leid an sich können sie uns dann oft nicht abnehmen.

Wir müssen nicht gleich an eine unheilbare Krankheit denken. Aber ich meine, in jedem Fall werden wir es als ein großes Geschenk erfahren, wenn wir dann an unserem Leiden nicht verzweifeln müssen. Wenn wir uns dann nicht selbst aufgeben. Das ist umso wichtiger als ja gerade die Besuche durch Angehörige oder Freunde stark eingeschränkt sind.

Es gibt keine „allgemeinen Verhaltensregeln für den Krankheitsfall“. Vielleicht hilft es uns, wenn wir Menschen zuhören, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben. Vielleicht kennen Sie jemanden, dem die Erinnerung an Christi Leiden zur Bewältigung des eigenen Leidens geholfen hat.

Nicht immer sind wir ja selbst unmittelbar betroffen. Aber wir kommen mit anderen Menschen zusammen. Wir können dabei zu Mit- Leidenden werden. Wir nehmen die Probleme des anderen ernst, wir lassen uns auf ihn ein.

Ich habe schon ein paar Mal die Erfahrung gemacht, wie wichtig es sein kann, einfach zuzuhören. Wer sein Leid aussprechen kann, kann es leichter tragen. Und das geht auch am Telefon, solange die persönlichen Begegnungen eingeschränkt sind. Vielleicht kommt mein Gesprächspartner sogar im Laufe des Gesprächs auf die Lösung seines Problems. So ein Zuhörer muss nicht in jedem Fall ein Pfarrer sein. Paulus sieht es sogar ausdrücklich als Aufgabe der ganzen Gemeinde an, wenn er sagt: „Einer trage des anderen Last.

Es gibt natürlich auch Situationen, in denen das Zuhören allein nicht ausreicht. Es gibt viele Bereiche in unserem Leben, die durch die Gesellschaft und die Politik geregelt werden. Da kommen wir uns als einzelne manchmal hilflos vor. Aber auch hier hilft es nicht, die Augen zu verschließen. Besonders wenn es um das Leiden anderer Menschen geht. Denken sie an Menschen ohne festes Obdach oder an die vielen Menschen, die zu uns geflüchtet sind. Wir werden sehr aufmerksam beobachten müssen, wo als Folge der derzeitigen Krise vielleicht Leid an Stellen entsteht, an denen wir es bisher gar nicht gewohnt waren. Es könnten zum Beispiel Menschen arbeitslos werden, die das zu Jahresbeginn selbst nicht geglaubt hätten.

Das Leid anderer zu sehen, habe ich weiter oben geschrieben, ist schon ein erster Schritt zur Hilfe. „Ja sehen wir denn nicht jeden Tag genug Leid im Fernsehen?“, mag jetzt jemand von Ihnen denken. Corona hat viel vorhandenes Leid, das mit den Grundbedürfnissen der menschlichen Existenz zu tun hat, an den Rand gedrängt. Darauf möchte das Gustav- Adolf- Werk aufmerksam machen, für dessen Arbeit wir dieser Tage zu Spenden aufrufen.

Wenn wir uns vom 1. Petrusbrief zum Leiden, zum Mit- Leiden ermutigen lassen, dann mag uns auch das Schicksal von Menschen in Brasilien zu Herzen gehen. Vielleicht finden wir nicht sofort einen Weg, das Leiden der Menschen dort abzuschaffen. Aber wir dürfen aus vielen Briefen und anderen Nachrichten wissen, wie die Menschen in schwierigen Situationen selber Mut fassen, wenn sie wahrnehmen, dass sie nicht vergessen sind. Und übersehen wir auch nicht die vielen Gebiete auf dieser Erde, an denen Krieg geführt wird oder wo mit militärischer Gewalt gedroht wird.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Verse aus dem 1. Petrusbrief von den Oster-Texten her als Ermutigung lesen können. Mögen sie uns Kraft und Hoffnung spenden für ein geduldiges Aushalten der Corona- Zeiten. Mögen sie Ideen in uns heranreifen lassen, wie wir auch mit Wenigem auskommen und so das Überleben der ganzen Erde bewahren können. Mögen sie in uns und unter uns durch Jesus Christus, unseren Hirten, Gemeinschaft fördern und stärken!

Amen.

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